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Mit dem kleinen Simson
hatte ich zu Leiden sehr vielen Umgang und er wird in diesen Denkblättern
noch oft erwähnt werden. Außer ihn, sah ich am öftersten einen
anderen meiner Tischgenossen, den jungen van Moeulen, ich konnte ganze Stunden
lang sein schönes Gesicht betrachten und dabei an seine Schwester denken,
die ich nie gesehen, und wovon ich nur wußte, daß sie die
schönste Frau im Waterland sei. Van Moeulen war ebenfalls ein schönes
Menschenbild, ein Apollo, aber kein Apollo von Marmor, sondern viel eher von
Käse. Er war der vollendetste Holländer, den ich je gesehn. Ein
sonderbares Gemisch von Mut und Phlegma. Als er einst im Kaffeehause einen
Irländer so sehr erzürnt, daß dieser eine Pistole aus der
Tasche zog, auf ihn losdrückte, und statt ihn zu treffen, ihm nur die
irdene Pfeife vom Munde wegschoß; da blieb van Moeulens Gesicht so
bewegungslos wie Käse, und im gleichgültig ruhigsten Tone rief er:
»Jan e nüe Piep!« Fatal war mir an ihm sein Lächeln; denn
alsdann zeigte er eine Reihe ganz kleiner weißer Zähnchen, die eher
wie Fischgräte aussahen. Auch mißfiel mir, daß er große
goldene Ohrringe trug. Er hatte die sonderbare Gewohnheit alle Tage in seiner
Wohnung die Aufstellung der Möbeln zu verändern, und wenn man zu ihm
kam, fand man ihn entweder beschäftigt, die Kommode an die Stelle des
Bettes, oder den Schreibtisch an die Stelle des Sofas zu setzen.
Der kleine Simson bildete,
in dieser Beziehung, den ängstlichsten Gegensatz. Er konnte nicht leiden, daß man in
seinem Zimmer das Mindeste verrückte; er wurde sichtbar unruhig wenn man
dort auch nur das Mindeste, sei es auch nur eine Lichtschere, zur Hand nahm.
Alles mußte liegenbleiben wie es lag. Denn seine Möbel und sonstige
Effekten dienten ihm als Hülfsmittel, nach den Vorschriften der Mnemonik,
allerlei historische Daten oder philosophische Sätze in seinem
Gedächtnisse zu fixieren. Als einst die Hausmagd, in seiner Abwesenheit, einen
alten Kasten aus seinem Zimmer fortgeschafft und seine Hemde und Strümpfe
aus den Schubladen der Kommode genommen, um sie waschen zu lassen: da war er
untröstlich als er nach Hause kam, und er behauptete - er wisse jetzt gar
nichts mehr von der assyrischen Geschichte, und alle seine Beweise für die
Unsterblichkeit der Seele, die er so mühsam, in den verschiedenen
Schubladen, ganz systematisch geordnet, seien jetzt in die Wäsche gegeben.
Zu den Originalen, die ich
in Leiden kennengelernt, gehört auch Myn
Heer van der Pissen, ein Vetter van Moeulens, der mich bei ihm eingeführt. Er war
Professor der Theologie an der Universität und ich hörte bei ihm das
Hohelied Salomonis und die Offenbarung Johannis. Er war ein schöner
blühender Mann, etwa fünfunddreißig Jahr alt, und auf dem
Katheder sehr ernst und gesetzt. Als ich ihn aber einst besuchen wollte, und in
seinem Wohnzimmer niemanden fand, sah ich durch die halbgeöffnete Tür
eines Seitenkabinetts ein gar merkwürdiges Schauspiel. Dieses Kabinett war
halb chinesisch, halb pompadourisch französisch verziert; an den
Wänden goldig schillernde Damasttapeten; auf dem Boden der kostbarste
persische Teppich; überall wunderliche Porzellanpagoden, Spielsachen von
Perlmutter, Blumen, Straußfedern, und Edelsteine; die Sessel von roten
Sammet mit Goldtroddeln, und darunter ein besonders erhöhter Sessel, der
wie ein Thron aussah, und worauf ein kleines Mädchen saß, das etwa
drei Jahr alt sein mochte, und in blauem silbergestickten Atlas, jedoch sehr
altfränkisch, gekleidet war, und in der einen Hand, gleich einem Zepter,
einen bunten Pfauenwedel, und in der andern einen welken Lorbeerkranz
emporhielt. Vor ihr aber, auf dem Boden, wälzten sich Myn Heer van der
Pissen, sein kleiner Mohr, sein Pudel und sein Affe. Diese vier zausten sich
und bissen sich untereinander, während das Kind und der grüne
Papagoi, welcher auf der Stange saß, beständig »bravo!«
riefen. Endlich erhob sich Myn Heer vom Boden, kniete vor dem Kinde nieder,
rühmte in einer ernsthaften lateinischen Rede den Mut womit er seine Feinde
bekämpft und besiegt, ließ sich von der Kleinen den welken
Lorbeerkranz auf das Haupt setzen; - und »bravo! bravo!« rief das
Kind und der Papagoi und ich, welcher jetzt ins Zimmer trat.
Myn Heer schien etwas
bestürzt, daß ich ihn in seinen Wunderlichkeiten überrascht.
Diese, wie man mir später sagte, trieb er alle Tage; alle Tage besiegte er
den Mohr, den Pudel und den Affen; alle Tage ließ er sich belorbeeren von
dem kleinen Mädchen, welches nicht sein eignes Kind, sondern ein Fündling
aus dem Waisenhause von Amsterdam war.
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