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Das Haus worin ich zu
Leiden logierte, bewohnte einst Jan Steen, der große Jan Steen, den ich
für ebenso groß halte wie Raffael. Auch als religiöser Maler
war Jan ebenso groß, und das wird man einst ganz klar einsehn, wenn die
Religion des Schmerzes erloschen ist, und die Religion der Freude den
trüben Flor von den Rosenbüschen dieser Erde fortreißt, und die
Nachtigallen endlich ihre lang verheimlichten Entzückungen hervorjauchzen
dürfen.
Aber keine Nachtigall wird
je so heiter und jubelnd singen, wie Jan Steen gemalt hat. Keiner hat so tief
wie er begriffen, daß auf dieser Erde ewig Kirmes sein sollte; er
begriff, daß unser Leben nur ein farbiger Kuß Gottes sei, und er
wußte, daß der Heilige Geist sich am herrlichsten offenbart im
Licht und Lachen.
Sein Auge lachte ins Licht
hinein und das Licht spiegelte sich in seinem lachenden Auge.
Und Jan blieb immer ein
gutes, liebes Kind. Als der alte strenge Prädikant von Leiden sich neben
ihm an den Herd setzte, und eine lange Vermahnung hielt über sein
fröhliches Leben, seinen lachend unchristlichen Wandel, seine Trunkliebe,
seine ungeregelte Wirtschaft und seine versteckte Lustigkeit; da hat Jan ihm
zwei Stunden lang ganz ruhig zugehört, und er verriet nicht die mindeste
Ungeduld über die lange Strafpredigt, und nur einmal unterbrach er sie mit
den Worten: »Ja, Domine, die Beleuchtung wäre dann viel besser, ja
ich bitte Euch, Domine, dreht Euren Stuhl ein klein wenig dem Kamine zu, damit
die Flamme ihren roten Schein über Eur ganzes Gesicht wirft und der
übrige Körper im Schatten bleibt - -«
Der Domine stand
wütend auf und ging davon. Jan aber griff sogleich nach der Palette, und
malte den alten strengen Herren ganz wie er ihm in jener Strafpredigtpositur,
ohne es zu ahnen, Modell gesessen. Das Bild ist vortrefflich und hing in meinem
Schlafzimmer zu Leiden.
Nachdem ich in Holland so viele Bilder
von Jan Steen gesehn, ist mir als kennte ich das ganze Leben des Mannes. Ja,
ich kenne seine sämtliche Sippschaft, seine Frau, seine Kinder, seine
Mutter, alle seine Vettern, seine Hausfeinde und sonstige Angehörigen, ja,
ich kenne sie von Angesicht zu Angesicht. Grüßen uns doch diese
Gesichter aus allen seinen Gemälden hervor, und eine Sammlung derselben
wäre eine Biographie des Malers. Er hat oft mit einem einzigen
Pinselstrich die tiefsten Geheimnisse seiner Seele darin eingezeichnet. So
glaube ich, seine Frau hat ihm allzuoft Vorwürfe gemacht über sein
vieles Trinken. Denn auf dem Gemälde, welches das Bohnenfest vorstellt,
und wo Jan mit seiner ganzen Familie zu Tische sitzt, da sehen wir seine Frau
mit einem gar großen Weinkrug in der Hand, und ihre Augen leuchten wie
die einer Bacchantin. Ich bin aber überzeugt, die gute Frau hat nie zuviel
Wein genossen, und der Schalk hat uns weismachen wollen, nicht er, sondern
seine Frau liebe den Trunk. Deshalb lacht er desto vergnügter aus dem
Bilde hervor. Er ist glücklich: er sitzt in der Mitte der Seinigen; sein
Söhnchen ist Bohnenkönig und steht mit der Krone von Flittergold auf
einem Stuhle; seine alte Mutter, in ihren Gesichtsfalten das seligste
Schmunzeln, trägt das jüngste Enkelchen auf dem Arm; die Musikanten
spielen ihre närrisch lustigsten Hopsamelodieen; und die sparsam
bedächtige, ökonomisch schmollende Hausfrau ist bei der ganzen
Nachwelt in den Verdacht hineingemalt als sei sie besoffen.
Wie oft, in meiner Wohnung
zu Leiden, konnte ich mich ganze Stunden lang in die häuslichen Szenen
zurückdenken, die der vortreffliche Jan dort erlebt und erlitten haben
mußte. Manchmal glaubte ich, ich sähe ihn leibhaftig selber an
seiner Staffelei sitzen, dann und wann nach dem großen Henkelkrug
greifen, ȟberlegen und dabei trinken, und dann wieder trinken ohne
zu überlegen«. Das war kein trübkatholischer Spuk, sondern ein
modern heller Geist der Freude, der nach dem Tode noch sein altes Atelier
besucht, um lustige Bilder zu malen und zu trinken. Nur solche Gespenster
werden unsere Nachkommen zuweilen schauen, am lichten Tage, während die
Sonne durch die blanken Fenster schaut, und vom Turme herab keine schwarz
dumpfe Glocken, sondern rotjauchzende Trompetentöne die liebliche
Mittagstunde ankündigen.
Die Erinnerung an Jan Steen
war aber das Beste, oder vielmehr das einzig Gute an meiner Wohnung zu Leiden. Ohne diesen
gemütlichen Reiz hätte ich darin keine acht Tage ausgehalten. Das
Äußere des Hauses war elend und kläglich und mürrisch,
ganz unholländisch. Das dunkle morsche Haus stand dicht am Wasser, und
wenn man an der anderen Seite des Kanals vorbeiging, glaubte man eine alte Hexe
zu sehen, die sich in einem glänzenden Zauberspiegel betrachtet. Auf dem
Dache standen immer ein paar Störche, wie auf allen holländischen
Dächern. Neben mir logierte die Kuh, deren Milch ich des Morgens trank,
und unter meinem Fenster war ein Hühnersteig. Meine gefiederte
Nachbarinnen lieferten gute Eier; aber da ich immer, ehe sie deren zur Welt
brachten, ein langes Gackern, gleichsam die langweilige Vorrede zu den Eiern,
anhören mußte, so wurde mir der Genuß derselben ziemlich
verleidet. Zu den eigentlichen Unannehmlichkeiten meiner Wohnung gehörten
aber zwei der fatalsten Mißstände: erstens das Violinspielen womit
man meine Ohren während des Tags belästigte, und dann die
Störungen des Nachts, wenn meine Wirtin ihren armen Mann mit ihrer
sonderbaren Eifersucht verfolgte.
Wer das Verhältnis
meines Hauswirts zu meiner Frau Wirtin kennenlernen wollte, brauchte nur beide
zu hören, wenn sie miteinander Musik machten. Der Mann spielte das
Violoncello und die Frau spielte das sogenannte Violon d'Amour; aber sie hielt
nie Tempo, und war dem Manne immer einen Takt voraus, und wußte ihrem
unglücklichen Instrumente die grellfeinsten Keiflaute abzuquälen;
wenn das Cello brummte und die Violine greinte, glaubte man ein zankendes
Ehepaar zu hören. Auch spielte die Frau noch immer weiter, wenn der Mann
längst fertig war, daß es schien, als wollte sie das letzte Wort
behalten. Es war ein großes aber sehr mageres Weib, nichts als Haut und
Knochen, ein Maul worin einige falsche Zähne klapperten, eine kurze Stirn,
fast gar kein Kinn und eine desto längere Nase, deren Spitze wie ein
Schnabel sich herabzog, und womit sie zuweilen, wenn sie Violin spielte den Ton
einer Saite zu dämpfen schien.
Mein Hauswirt war etwa
fünfzig Jahr alt und ein Mann von sehr dünnen Beinen, abgezehrt
bleichem Antlitz und ganz kleinen grünen Äuglein, womit er
beständig blinzelte, wie eine Schildwache, welcher die Sonne ins Gesicht
scheint. Er war seines Gewerbes ein Bruchbandmacher und seiner Religion nach
ein Wiedertäufer. Er las sehr fleißig in der Bibel. Diese
Lektüre schlich sich in seine nächtliche Träume und mit
blinzelnden Äuglein erzählte er seiner Frau des Morgens beim Kaffee:
wie er wieder hochbegnadigt worden, wie die heiligsten Personen ihn ihres
Gespräches gewürdigt, wie er sogar mit der allerhöchst heiligen
Majestät Jehovas verkehrt, und wie alle Frauen des Alten Testamentes ihn
mit der freundlichsten und zärtlichsten Aufmerksamkeit behandelt.
Letzterer Umstand war meiner Hauswirtin gar nicht lieb, und nicht selten
bezeugte sie die eifersüchtigste Mißlaune über ihres Mannes
nächtlichen Umgang mit den Weibern des Alten Testamentes. »Wäre
es noch«, sagte sie, »die keusche Mutter Maria, oder die alte
Marthe, oder auch meinethalb die Magdalene, die sich ja gebessert hat - aber
ein nächtliches Verhältnis mit den Sauftöchtern des alten Lot,
mit der sauberen Madame Judith, mit der verlaufenen Königin von Saba und
dergleichen zweideutigen Weibsbildern, darf nicht geduldet werden.«
Nichts glich aber ihrer Wut, als eines Morgens ihr Mann, im
Übergeschwätze seiner Seligkeit, eine begeisterte Schilderung der
schönen Esther entwarf, welche ihn gebeten, ihr bei ihrer Toilette
behilflich zu sein, indem sie, durch die Macht ihrer Reize, den König
Ahasverus für die gute Sache gewinnen wollte. Vergebens beteuerte der arme
Mann, daß Herr Mardochai selber ihn bei seiner schönen Pflegetochter
eingeführt, daß diese schon halb bekleidet war, daß er ihr nur
die langen schwarzen Haare ausgekämmt - vergebens! die erboste Frau schlug
den armen Mann mit seinen eignen Bruchbändern, goß ihm den
heißen Kaffee ins Gesicht, und sie hätte ihn gewiß umgebracht,
wenn er nicht aufs heiligste versprach, allen Umgang mit den
alttestamentalischen Weibern aufzugeben, und künftig nur mit
Erzvätern und männlichen Propheten zu verkehren.
Die Folge dieser
Mißhandlung war, daß Myn Heer von nun an sein nächtliches
Glück gar ängstlich verschwieg; er wurde jetzt erst ganz ein heiliger
Roué; wie er mir gestand, hatte er den Mut sogar der nackten Susanna die
unsittlichsten Anträge zu machen; ja, er war am Ende frech genug, sich in
den Harem des König Salomon hineinzuträumen und mit dessen tausend
Weibern Tee zu trinken.
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