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Unglückselige
Eifersucht! durch diese ward einer meiner schönsten Träume und
mittelbar vielleicht das Leben des kleinen Simson unterbrochen
Was ist Traum? Was ist Tod?
Ist dieser nur eine Unterbrechung des Lebens? oder gänzliches
Aufhören desselben? Ja, für Leute, die nur Vergangenheit und Zukunft
kennen und nicht in jedem Momente der Gegenwart eine Ewigkeit leben
können, ja für solche muß der Tod schrecklich sein! Wenn ihnen
die beiden Krücken, Raum und Zeit, entfallen, dann sinken sie ins ewige
Nichts.
Und der Traum? Warum
fürchten wir uns vor dem Schlafengehn nicht weit mehr als vor dem
Begrabenwerden? Ist es nicht furchtbar, daß der Leib eine ganze Nacht
leichentot sein kann, während der Geist in uns das bewegteste Leben
führt, ein Leben mit allen Schrecknissen jener Scheidung, die wir eben
zwischen Leib und Geist gestiftet? Wenn einst, in der Zukunft, beide wieder in
unserem Bewußtsein vereinigt sind, dann gibt es vielleicht keine
Träume mehr, oder nur kranke Menschen, Menschen deren Harmonie
gestört, werden träumen. Nur leise und wenig träumten die Alten;
ein starker, gewaltiger Traum war bei ihnen wie ein Ereignis und wurde in die
Geschichtsbücher eingetragen. Das rechte Träumen beginnt erst bei den
Juden, dem Volke des Geistes, und erreicht seine höchste Blüte bei
den Christen, dem Geistervolk. Unsere Nachkommen werden schaudern, wenn sie
einst lesen, welch ein gespenstisches Dasein wir geführt, wie der Mensch
in uns gespalten war und nur die eine Hälfte ein eigentliches Leben
geführt. Unsere Zeit - und sie beginnt am Kreuze Christi - wird als eine große
Krankheitsperiode der Menschheit betrachtet werden.
Und doch, welche
süße Träume haben wir träumen können! Unsere gesunden
Nachkommen werden es kaum begreifen. Um uns her verschwanden alle
Herrlichkeiten der Welt, und wir fanden sie wieder in unserer inneren Seele - in
unsre Seele flüchtete sich der Duft der zertretenen Rosen und der
lieblichste Gesang der verscheuchten Nachtigallen -
Ich weiß das alles
und sterbe an den unheimlichen Ängsten und grauenhaften
Süßigkeiten unserer Zeit. Wenn ich des Abends mich
auskleide, und zu Bette lege, und die Beine lang ausstrecke, und mich bedecke mit dem weißen Laken: dann schaudre
ich manchmal unwillkürlich, und mir kommt in den Sinn, ich sei eine Leiche
und ich begrübe mich
selbst. Dann schließe ich aber hastig die Augen um diesem schauerlichen
Gedanken zu entrinnen, um mich
zu retten in das Land der Träume.
Es war ein
süßer, lieber, sonniger Traum. Der Himmel himmelblau und wolkenlos,
das Meer meergrün und still. Unabsehbar weite Wasserfläche, und
darauf schwamm ein buntgewimpeltes Schiff, und auf dem Verdeck saß ich
kosend zu den Füßen Jadvigas. Schwärmerische Liebeslieder, die
ich selber auf rosige Papierstreifen geschrieben, las ich ihr vor, heiter
seufzend, und sie horchte mit ungläubig hingeneigtem Ohr, und
sehnsüchtigem Lächeln, und riß mir zuweilen hastig die
Blätter aus der Hand und warf sie ins Meer. Aber die schönen Nixen,
mit ihren schneeweißen Busen und Armen, tauchten jedesmal aus dem Wasser
empor, und erhaschten die flatternden Lieder der Liebe. Als ich mich über
Bord beugte, konnte ich ganz klar bis in die Tiefe des Meeres hinabschaun, und
da saßen, wie in einem gesellschaftlichen Kreise, die schönen Nixen,
und in ihrer Mitte stand ein junger Nix, der, mit gefühlvoll belebtem
Angesicht, meine Liebeslieder deklamierte. Ein stürmischer Beifall
erscholl bei jeder Strophe; die grünlockigten Schönen applaudierten
so leidenschaftlich, daß Brust und Nacken erröteten, und sie lobten
mit einer freudigen, aber doch zugleich mitleidigen Begeisterung: »Welche
sonderbare Wesen sind diese Menschen! Wie sonderbar ist ihr Leben! Wie tragisch
ihr ganzes Schicksal! Sie lieben sich und dürfen es meistens nicht sagen,
und dürfen sie es einmal sagen, so können sie doch einander selten
verstehn! Und dabei leben sie nicht ewig wie wir, sie sind sterblich, nur eine
kurze Spanne Zeit ist ihnen vergönnt das Glück zu suchen, sie
müssen es schnell erhaschen, hastig ans Herz drücken, ehe es
entflieht - deshalb sind ihre Liebeslieder auch so zart, so innig, so
süß-ängstlich, so verzweiflungsvoll lustig, ein so seltsames
Gemisch von Freude und Schmerz. Der Gedanke des Todes wirft seinen
melancholischen Schatten über ihre glücklichsten Stunden und
tröstet sie lieblich im Unglück. Sie können weinen. Welche
Poesie in so einer Menschenträne!«
»Hörst
du«, sagte ich zu Jadviga, »wie die da unten über uns
urteilen? - wir wollen uns umarmen, damit sie uns nicht mehr bemitleiden, damit
sie sogar neidisch werden!« Sie aber, die Geliebte, sah mich an mit unendlicher Liebe, und ohne ein
Wort zu reden. Ich hatte sie stumm geküßt. Sie erblich, und ein
kalter Schauer überflog die holde Gestalt. Sie lag endlich starr, wie
weißer Marmor, in meinen Armen, und ich hätte sie für tot
gehalten, wenn sich nicht zwei große Tränenströme unaufhaltsam
aus ihren Augen ergossen - und diese Tränen überfluteten mich,
während ich das holde Bild immer gewaltiger mit meinen Armen umschlang -
Da hörte ich
plötzlich die keifende Stimme meiner Hauswirtin und erwachte aus meinem
Traum. Sie stand vor meinem Bette, mit der Blendlaterne in der Hand, und bat mich schnell aufzustehn
und sie zu begleiten. Nie hatte ich sie so häßlich gesehn. Sie war
im Hemde und ihre verwitterten Brüste vergoldete der Mondschein, der eben
durchs Fenster fiel; sie sahen aus wie zwei getrocknete Zitronen. Ohne zu wissen
was sie begehrte, fast noch schlummertrunken, folgte ich ihr nach dem
Schlafgemach ihres Gatten, und da lag der arme Mann, die Nachtmütze
über die Augen gezogen, und schien heftig zu träumen. Manchmal zuckte
sichtbar sein Leib unter der Bettdecke, seine Lippen lächelten vor
überschwenglichster Wonne, spitzten sich manchmal krampfhaft, wie zu einen
Kusse, und er röchelte und stammelte: »Vasthi! Königin Vasthi!
Majestät! Fürchte keinen Ahasveros! Geliebte Vasthi!«
Mit zornglühenden
Augen beugte sich nun das Weib über den schlafenden Gatten, legte ihr Ohr
an sein Haupt, als ob sie seine Gedanken erlauschen könnte, und
flüsterte mir zu: »Haben Sie sich nun überzeugt, Myn Heer
Schnabelewopski? Er hat jetzt eine Buhlschaft mit der Königin Vasthi! Der
schändliche Ehebrecher! Ich habe dieses unzüchtige Verhältnis
schon gestern nacht entdeckt. Sogar eine Heidin hat er mir vorgezogen! Aber ich
bin Weib und Christin, und Sie sollen sehen wie ich mich räche.«
Bei diesen Worten riß
sie erst die Bettdecke von dem Leibe des armen Sünders - er lag im
Schweiß - alsdann ergriff sie ein hirschledernes Bruchband, und schlug
damit gottlästerlich los auf die dünnen Gliedmaßen des armen
Sünders. Dieser, also unangenehm geweckt aus seinem biblischen Traum,
schrie so laut, als ob die Hauptstadt Susa in Feuer und Holland in Wasser stünde, und brachte
mit seinem Geschrei die Nachbarschaft in Aufruhr.
Den andern Tag hieß
es in ganz Leiden, mein Hauswirt habe solch
großes Geschrei erhoben, weil er mich
des Nachts in der Gesellschaft seiner Gattin gesehen. Man hatte letztere halb
nackt am Fenster erblickt; und unsere Hausmagd, die mir gram war, und von der
Wirtin zur Roten Kuh über dieses Ereignis befragt worden, erzählte,
daß sie selber gesehen, wie Myfrau mir in meinem Schlafzimmer einen
nächtlichen Besuch abgestattet.
Ich kann nicht ohne
gewaltigen Kummer an dieses Ereignis denken. Welche fürchterliche Folgen!
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