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Wäre die Wirtin zur
Roten Kuh eine Italienerin gewesen, so hätte sie vielleicht mein Essen vergiftet;
da sie aber eine Holländerin war, so schickte sie mir sehr schlechtes
Essen. Schon des anderen Mittags erduldeten wir die Folgen ihres weiblichen
Unwillens. Das erste Gericht war: keine Suppe. Das war schrecklich, besonders
für einen wohlerzogenen Menschen wie ich, der von Jugend auf alle Tage
Suppe gegessen, der sich bis jetzt gar keine Welt denken konnte, wo nicht des
Morgens die Sonne aufgeht und des Mittags die Suppe aufgetragen wird. Das
zweite Gericht bestand aus Rindfleisch, welches kalt und hart war wie Myrons
Kuh. Drittens kam ein Schellfisch, der aus dem Halse roch wie ein Mensch.
Viertens kam ein großes Huhn, das, weit entfernt unseren Hunger stillen
zu wollen, so mager und abgezehrt aussah, als ob es selber Hunger hätte:
so daß man fast vor Mitleid nichts davon essen konnte.
»Und nun, kleiner
Simson«, rief der dicke Driksen, »glaubst du noch an Gott? Ist das
Gerechtigkeit? Die Frau Bandagistin besucht den Schnabelewopski in der dunkeln
Nacht, und wir müssen dafür schlecht essen am hellen lichten Tag?«
»O Gott! Gott!«
seufzte der Kleine, gar verdrießlich wegen solcher atheistischer
Ausbrüche und vielleicht auch wegen des schlechten Essens. Seine
Verdrießlichkeit stieg, als auch der lange Vanpitter seine Witze gegen
die Anthropomorphisten losließ und die Ägypter lobte, die einst
Ochsen und Zwiebel verehrten: denn erstere, wenn sie gebraten, und letztere,
wenn sie gestopft, schmeckten ganz göttlich.
Des kleinen Simsons
Gemüt wurde aber durch solche Spöttereien immer bitterer gestimmt,
und er schloß endlich folgendermaßen seine Apologie des Deismus:
»Was die Sonne für die Blumen ist, das ist Gott für die
Menschen. Wenn die Strahlen jenes himmlischen Gestirns die Blumen
berühren, dann wachsen sie heiter empor und öffnen ihre Kelche und
entfalten ihren buntesten Farbenschmuck. Des Nachts, wenn ihre Sonne entfernt
ist, stehen sie traurig, mit geschlossenen Kelchen, und schlafen, oder
träumen von den goldenen Strahlenküssen der Vergangenheit. Diejenigen
Blumen, die immer im Schatten stehen, verlieren Farbe und Wuchs,
verkrüppeln und erbleichen, und welken mißmütig, glücklos.
Die Blumen aber, die ganz im Dunkeln wachsen, in alten Burgkellern, unter
Klosterruinen, die werden häßlich und giftig, sie ringeln am Boden
wie Schlangen, schon ihr Duft ist unheilbringend, boshaft betäubend,
tödlich -«
»Oh, du brauchst
deine biblische Parabel nicht weiter auszuspinnen«, schrie der dicke
Driksen, indem er sich ein großes Glas Schiedammer Genever in den Schlund
goß; »du, kleiner Simson, bist eine fromme Blume, die im
Sonnenschein Gottes die heiligen Strahlen der Tugend und Liebe so trunken
einsaugt, daß deine Seele wie ein Regenbogen blüht, während die
unsrige, abgewendet von der Gottheit, farblos und häßlich verwelkt,
wo nicht gar pestilenzialische Düfte verbreitet -«
»Ich habe einmal zu Frankfurt«, sagte der kleine Simson, »eine
Uhr gesehen, die an keinen Uhrmacher glaubte; sie war von Tombak und ging sehr
schlecht -«
»Ich will dir
wenigstens zeigen, daß so eine Uhr wenigstens gut schlagen kann«,
versetzte Driksen, indem er plötzlich ganz ruhig wurde und den Kleinen
nicht weiter molestierte.
Da letzterer, trotz seiner
schwachen Ärmchen, ganz vortrefflich stieß, so ward beschlossen,
daß sich die beiden noch denselben Tag auf Parisiens schlagen sollten.
Sie stachen aufeinander los mit großer Erbitterung. Die schwarzen Augen
des kleinen Simson glänzten feurig groß, und kontrastierten um so
wunderbarer mit seinen Ärmchen, die aus den aufgeschürzten
Hemdärmeln gar kläglich dünn hervortraten. Er wurde immer
heftiger; er schlug sich ja für die Existenz Gottes, des alten Jehova, des
Königs der Könige. Dieser aber gewährte seinem Champion nicht
die mindeste Unterstützung und im sechsten Gang bekam der Kleine einen
Stich in die Lunge.
»O Gott!«
seufzte er und stürzte zu Boden.
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