|
Diese Szene hatte mich furchtbar
erschüttert. Gegen das Weib aber, das mittelbar solches Unglück
verursacht, wandte sich der ganze Ungestüm meiner Empfindungen; das Herz
voll Zorn und Kummer, stürmte ich nach dem Roten Ochsen.
»Ungeheur, warum hast
du keine Suppe geschickt?« Dieses waren die Worte womit ich die
erbleichende Wirtin anredete, als ich sie in der Küche antraf. Das
Porzellan auf dem Kamine zitterte bei dem Tone meiner Stimme. Ich war so
entsetzlich, wie der Mensch es nur immer sein kann, wenn er keine Suppe
gegessen und sein bester Freund einen Stich in die Lunge bekommen.
»Ungeheur, warum hast
du keine Suppe geschickt?« Diese Worte wiederholte ich, während das
schuldbewußte Weib starr und sprachlos vor mir stand. Endlich aber, wie
aus geöffneten Schleusen, stürzten aus ihren Augen die Tränen.
Sie überschwemmten ihr ganzes Antlitz und tröpfelten bis in den Kanal
ihres Busens. Dieser Anblick konnte jedoch meinen Zorn nicht erweichen, und mit
verstärkter Bitterkeit sprach ich: »O ihr Weiber, ich weiß
daß ihr weinen könnt; aber Tränen sind keine Suppe. Ihr seid
erschaffen zu unserem Unheil. Eur Blick ist Lug und eur Hauch ist Trug. Wer hat
zuerst vom Apfel der Sünde gegessen? Gänse haben das Kapitol
gerettet, aber durch ein Weib ging Troja zugrunde. O Troja! Troja! des Priamos
heilige Feste, du bist gefallen durch die Schuld eines Weibes! Wer hat den
Marcus Antonius ins Verderben gestürzt? Wer verlangte den Kopf Johannis des
Täufers? Wer war Ursache von Abälards Verstümmelung? Ein Weib!
Die Geschichte ist voll Beispiele, wie wir durch euch zugrunde gehn. All eur
Tun ist Torheit und all eur Denken ist Undank. Wir geben euch das Höchste,
die heiligste Flamme des Herzens, unsere Liebe - was gebt ihr uns als Ersatz?
Fleisch, schlechtes Rindfleisch, noch schlechteres Hühnerfleisch -
Ungeheur, warum hast du keine Suppe geschickt!«
Vergebens begann Myfrau
jetzt eine Reihe von Entschuldigungen herzustammeln und mich bei allen Seligkeiten unserer
genossenen Liebe zu beschwören, ihr diesmal zu verzeihen. Sie wollte mir
von nun an noch besseres Essen schicken als
früher, und noch immer nur sechs Gulden die Portion anrechnen, obgleich
der Groote Dohlenwirt für sein ordinäres Essen sich acht Gulden bezahlen
läßt. Sie ging so weit, mir für den folgenden Tag Austerpastete
zu versprechen; ja, in dem weichen Tone ihrer Stimme dufteten sogar
Trüffel. Aber ich blieb standhaft, ich war entschlossen auf immer zu
brechen und verließ die Küche mit den tragischen Worten:
»Adieu, für dieses Leben haben wir ausgekocht!«
Im Fortgehn hörte ich
etwas zu Boden fallen. War es irgendein Küchentopf oder Myfrau selber? Ich
nahm mir nicht einmal die Mühe nachzusehen, und ging direkt nach der
Grooten Dohlen, um sechs Portion Essen für den nächsten Tag zu
bestellen.
Nach diesem wichtigsten
Geschäft, eilte ich nach der Wohnung des kleinen Simson, den ich in einem
sehr schlechten Zustande fand. Er lag in einem großen altfränkischen
Bette, das keine Vorhänge hatte, und an dessen Ecken vier große
marmorierte Holzsäulen befindlich waren, die oben einen reich vergoldeten
Betthimmel trugen. Das Antlitz des Kleinen war leidend blaß, und in dem
Blick, den er mir zuwarf, lag so viel Wehmut, Güte und Elend, daß
ich davon bis in die Tiefe meiner Seele gerührt wurde. Der Arzt hatte ihn
eben verlassen und seine Wunde für bedenklich erklärt. Van Moeulen,
der allein dort geblieben, um die Nacht bei ihm zu wachen, saß vor seinem
Bette und las ihm vor aus der Bibel.
»Schnabelewopski«,
seufzte der Kleine, »es ist gut, daß du kommst. Kannst
zuhören, und es wird dir wohltun. Das ist ein liebes Buch. Meine Vorfahren
haben es in der ganzen Welt mit sich herumgetragen, und gar viel Kummer und
Unglück und Schimpf und Haß dafür erduldet, oder sich gar
dafür totschlagen lassen. Jedes Blatt darin hat Tränen und Blut
gekostet, es ist das aufgeschriebene Vaterland der Kinder Gottes, es ist das
heilige Erbe Jehovas -«
»Rede nicht
zuviel«, rief van Moeulen, »es bekömmt dir schlecht.«
»Und gar«, setzte
ich hinzu, »rede nicht von Jehova, dem undankbarsten der Götter,
für dessen Existenz du dich heute geschlagen -«
»O Gott!«
seufzte der Kleine und Tränen fielen aus seinen Augen - »O Gott, du
hilfst unseren Feinden!«
»Rede nicht so
viel«, wiederholte van Moeulen. »Und du, Schnabelewopski«,
flüsterte er mir zu, »entschuldige wenn ich dich langweile; der
Kleine wollte durchaus, daß ich ihm die Geschichte seines Namensvetters,
des Simson, vorlese - wir sind am vierzehnten Kapitel, hör zu:
›Simson ging hinab gen
Thimnath, und sahe ein Weib zu Thimnath unter den Töchtern der Philister
-‹«
»Nein«, rief
der Kleine, mit geschlossenen Augen, »wir sind schon am sechszehnten
Kapitel. Ist mir doch als lebte ich das alles mit, was du da vorliest, als
hörte ich die Schafe blöken, die am Jordan weiden, als hätte ich
selber den Füchsen die Schwänze angezündet und sie in die Felder
der Philister gejagt, als hätte ich mit einem Eselskinnbacken tausend
Philister erschlagen - Oh, die Philister! sie hatten uns unterjocht und verspottet,
und ließen uns wie Schweine Zoll bezahlen, und haben mich zum Tanzsaal
hinausgeschmissen, auf dem Roß, und zu Bockenheim mit Füßen
getreten - hinausgeschmissen, mit Füßen getreten, auf dem Roß.
O Gott, das ist nicht erlaubt!«
»Er liegt im Wundfieber
und phantasiert«, bemerkte leise van Moeulen, und begann das sechszehnte
Kapitel:
»Simson ging hin gen
Gasa und sahe daselbst eine Hure, und lag bei ihr.
Da ward den Gasitern
gesagt: Simson ist herein kommen. Und sie umgaben ihn, und ließen auf ihn
lauern die ganze Nacht in der Stadt Tor, und waren die ganze Nacht stille, und
sprachen: ›Harre, morgen, wenn es Licht wird, wollen wir ihn
erwürgen.‹
Simson aber lag bis zu
Mitternacht. Da stund er auf zu Mitternacht, und ergriff beide Türen an
der Stadt Tor, samt den beiden Pfosten, und hub sie aus mit den Riegeln, und
legte sie auf seine Schultern, und trug sie hinauf auf die Höhe des Berges
von Hebron.
Darnach gewann er ein Weib
lieb, am Bach Sorek, die hieß Delila.
Zu der kamen der Philister
Fürsten hinauf, und sprachen zu ihr: ›Überrede ihn, und
besiehe, worin er so große Kraft hat, und womit wir ihn
übermögen, daß wir ihn binden und zwingen, so wollen wir dir
geben ein jeglicher tausend und hundert Silberlinge.‹
Und Delila sprach zu
Simson: ›Lieber, sage mir worinnen deine große Kraft sei, und womit
man dich binden möge, damit man dich zwinge?‹
Simson sprach zu ihr:
›Wenn man mich
bünde mit sieben Seilen von frischem Bast, die noch nicht verdorret
waren‹: Und sie band ihn damit.
(Man hielt aber auf ihn bei
ihr in der Kammer.) Und sie sprach zu ihm: ›Die Philister über dir,
Simson.‹ Er aber zerriß die Seile, wie eine flächsene Schnur
zerreißet, wenn sie ans Feuer reucht: und ward nicht kund wo seine Kraft
wäre.«
»O dumme
Philister!« rief jetzt der Kleine, und lächelte vergnügt,
»wollten mich
auch auf die Konstablerwacht setzen -«
Van Moeulen aber las
weiter:
»Da sprach Delila zu
Simson: ›Siehe du hast mich
getäuschet, mir gelogen; nun, so sage mir doch, womit kann man dich
binden?‹
Er antwortete ihr:
›Wenn sie mich
bünden mit neuen Stricken, damit nie keine Arbeit geschehen ist; so
würde ich schwach und wie ein ander Mensch.‹
Da nahm Delila neue
Stricke, und band ihn damit, und sprach: ›Philister über dir,
Simson‹; (man hielt aber auf ihn in der Kammer); und er zerriß sie
von seinen Armen, wie einen Faden.«
»Oh, dumme
Philister!« rief der Kleine im Bette.
»Delila aber sprach
zu ihm: ›Noch hast du mich
getäuschet, und mir gelogen. Lieber, sage mir doch, womit kann man dich
binden?‹ Er antwortete ihr: ›Wenn du sieben Locken meines Hauptes
flöchtest mit einem Flechtbande, und heftetest sie mit einem Nagel
ein.‹
Und sie sprach zu ihm -
›Philister über dir, Simson.‹ Er aber wachte auf von seinem
Schlaf, und zog die geflochtenen Locken mit Nagel und Flechtband heraus.«
Der Kleine lachte:
»Das war auf der Eschenheimer Gasse.« van Moeulen aber fuhr fort:
»Da sprach sie zu
ihm: ›Wie kannst du sagen, du habest mich lieb, so dein Herz doch nicht mit mir
ist? Dreimal hast du mich
getäuschet, und mir nicht gesaget, worinnen deine große Kraft
sei.‹
Da sie ihn aber trieb mit
ihren Worten alle Tage, und zerplagte ihn, ward seine Seele matt bis an den
Tod.
Und sagte ihr sein ganzes
Herz, und sprach zu ihr: ›Es ist nie kein Schermesser auf mein Haupt
kommen, denn ich bin ein Verlobter Gottes von Mutterleib an. Wenn du mich
beschörest, so wiche meine Kraft von mir, daß ich schwach
würde, und wie alle andre Menschen.‹
Da nun Delila sahe,
daß er ihr alle sein Herz offenbaret hatte, sandte sie hin, und
ließ der Philister Fürsten rufen, und sagen: ›Kommet noch
einmal herauf, denn er hat mir alle sein Herz offenbaret.‹ Da kamen der
Philister Fürsten zu ihr herauf, und brachten das Geld mit sich in ihrer
Hand.
Und sie ließ ihn
entschlafen auf ihrem Schoß, und rief einem, der ihm die sieben Locken
seines Hauptes abschöre. Und sie fing an ihn zu zwingen. Da war seine
Kraft von ihm gewichen.
Und sie sprach zu ihm:
›Philister über dir, Simson.‹ Da er nun von seinem Schlaf
erwachte, gedachte er: ich will ausgehen wie ich mehrmals getan habe, ich will mich ausreißen,
und wußte nicht, daß der Herr von ihm gewichen war.
Aber die Philister griffen
ihn, und stachen ihm die Augen aus, und führten ihn hinab gen Gasa, und
bunden ihn mit zwo ehernen Ketten, und er mußte mahlen im Gefängnis.«
»O Gott! Gott!«
wimmerte und weinte beständig der Kranke. »Sei still«, sagte
van Moeulen, und las weiter:
»Aber das Haar seines
Hauptes fing wieder an zu wachsen, wo es beschoren war.
Da aber der Philister
Fürsten sich versammleten, ihrem Gott Dagon ein groß Opfer zu tun,
und sich zu freuen, sprachen sie: ›Unser Gott hat uns unsern Feind Simson
in unsere Hände gegeben.‹
Desselbigengleichen als ihn
das Volk sahe, lobeten sie ihren Gott; denn sie sprachen: ›Unser Gott hat
uns unsern Feind in unsere Hände gegeben, der unser Land verderbete, und
unserer viele erschlug.‹
Da nun ihr Herz guter Dinge
war, sprachen sie: ›Lasset Simson holen, daß er vor uns
spiele.‹ Da holeten sie Simson aus dem Gefängnis, und er spielete
vor ihnen, und sie stelleten ihn zwischen zwo Säulen.
Simson aber sprach zu dem
Knaben, der ihn bei der Hand leitete: ›Laß mich,
daß ich die Säulen taste, auf welchen das Haus stehet, daß ich
mich daran
lehne.‹
Das Haus aber war voll
Männer und Weiber. Es waren auch der Philister Fürsten alle da, und
auf dem Dach bei dreitausend, Mann und Weib, die da zusahen wie Simson
spielete.
Simson aber rief den Herren
an, und sprach: ›Herr, Herr, gedenke mein, und stärke mich doch, Gott, diesmal, daß ich für meine
beide Augen mich
einst räche an den Philistern.‹
Und er fassete die zwo
Mittelsäulen, auf welchen das Haus gesetzet war, und darauf sich hielt,
eine in seine rechte, und die andere in seine linke Hand.
Und sprach: ›Meine
Seele sterbe mit den Philistern‹; und neigte sich kräftiglich. Da
fiel das Haus auf die Fürsten, und auf alles Volk, das drinnen war,
daß der Toten mehr waren, die in seinem Tode sturben, denn die bei seinem
Leben sturben.«
Bei dieser Stelle
öffnete der kleine Simson seine Augen, geisterhaft weit; hob sich
krampfhaft in die Höhe; ergriff, mit seinen dünnen Ärmchen, die
beiden Säulen, die zu Füßen seines Bettes; rüttelte daran,
während er zornig stammelte: »Es sterbe meine Seele mit den
Philistern.« Aber die starken Bettsäulen blieben unbeweglich,
ermattet und wehmütig lächelnd fiel der Kleine zurück auf seine
Kissen, und aus seiner Wunde, deren Verband sich verschoben, quoll ein roter
Blutstrom.
|