| Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek |
| Heinrich Heine Buch der Lieder IntraText CT - Text |
|
|
|
VorredeDiese neue Ausgabe des Buchs der Lieder kann ich dem überrheinischen Publikum nicht zuschicken, ohne sie mit freundlichsten Grüßen in ehrlichster Prosa zu begleiten. Ich weiß nicht, welches wunderliche Gefühl mich davon abhält, dergleichen Vorworte, wie es bei Gedichtesammlungen üblich ist, in schönen Rhythmen zu versifizieren. Seit einiger Zeit sträubt sich etwas in mir gegen alle gebundene Rede, und wie ich höre, regt sich bei manchen Zeitgenossen eine ähnliche Abneigung. Es will mich bedünken, als sei in schönen Versen allzuviel gelogen worden, und die Wahrheit scheue sich, in metrischen Gewanden zu erscheinen. Nicht ohne Befangenheit
übergebe ich der Lesewelt den erneueten Abdruck dieses Buches. Es hat mir
die größte Überwindung gekostet, ich habe fast ein ganzes Jahr
gezaudert, ehe ich mich
zur flüchtigen Durchsicht Ebenso wenig wie an der
Zeitfolge änderte ich an den Gedichten selbst. Nur hie und da, in der
ersten Abteilung, wurden einige Verse verbessert. Der Raumersparnis wegen habe
ich die Dedikationen der ersten Auflage weggelassen. Doch kann ich nicht umhin
zu erwähnen, daß das Lyrische Intermezzo einem Buche entlehnt ist,
welches unter dem Titel »Tragödien« im Jahr 1823 erschien und
meinem Oheim Salomon Heine zugeeignet worden. Die hohe Achtung, die ich diesem
großartigen Manne zollte, so wie auch meine Dankbarkeit für die
Liebe, die er mir damals bewiesen, wollte ich durch jene Widmung beurkunden.
»Die Heimkehr«, welche zuerst in den Reisebildern erschien, ist der
seligen Friederike Varnhagen von Ense gewidmet, und ich darf mich rühmen,
der erste gewesen zu sein, der diese große Frau mit öffentlicher
Huldigung verehrte. Es war eine große Tat von August Varnhagen, daß
er, alles kleinliche Bedenken abweisend, jene Briefe veröffentlichte,
worin sich Rahel mit ihrer ganzen Persönlichkeit offenbart. Dieses Buch
kam zur rechten Zeit, wo es eben Ich kann ihrer nicht ohne
Wehmut gedenken, der liebreichen Freundin, die mir immer die
unermüdlichste Teilnahme widmete, und sich oft nicht wenig für mich
ängstigte, in jener Zeit meiner jugendlichen Übermüten, in jener
Zeit, als die Flamme der Wahrheit micht mehr erhitzte als Diese Zeit ist vorbei! Ich
bin jetzt meher erleuchtet als erhitzt. Solche kühle Erleuchtung kommt
aber immer zu spät bei den Menschen. Ich sehe jetzt im klarsten Lichte die
Steine, über welche ich gestolpert. Ich hätte ihnen so leicht
ausweichen können, ohne darum einen unrechten Weg zu wandeln. Jetzt
weiß ich auch, daß man in der Welt sich mit Allem befassen kann,
wenn man nur die dazu nötigen Handschuhe anzieht. Und dann sollten wir nur
das tun, was tunlich ist und wozu wir am meisten Geschick haben, im Leben wie
in der Kunst. Ach! zu den unseligsten Mißgriffen des Menschen
gehört, daß er den Wert der Geschenke, die ihm die Natur am
bequemsten entgegen trägt, kindisch verkennt, und dagegen die Güter,
die ihm am schwersten zugänglich sind, Bescheidenen Sinnes und um Nachsicht bittend, übergebe ich dem Publikum das Buch der Lieder; für die Schwäche dieser Gedichte mögen vielleicht meine politischen, theologischen und philosophischen Schriften einigen Ersatz bieten. Bemerken muß ich jedoch, daß meine poetischen, ebenso gut wie meine politischen, theologischen und philosophischen Schriften, einem und demselben Gedanken entsprossen sind, und daß man die einen nicht verdammen darf, ohne auch den anderen allen Beifall zu entziehen. Zugleich erlaube ich mir auch die Bemerkung, daß das Gerücht, als hätte jener Gedanken eine bedenkliche Umwandlung in meiner Seele erlitten, auf Angaben beruht, die ich ebenso verachten wie bedauern muß. Nur gewissen bornierten Geistern konnte die Milderung meiner Rede, oder gar mein erzwungenes Schweigen, als ein Abfall von mir selber erscheinen. Sie mißdeuteten meine Mäßigung, und das war um so liebloser, da ich doch nie ihre Überwut mißdeutet habe. Höchstens dürfte man mich einer Übermüdung beschuldigen. Aber ich habe ein Recht, müde zu sein... Und dann muß jeder dem Gesetze der Zeit gehorchen, er mag wollen oder nicht... »Und scheint die
Sonne noch so schön, Die Melodie dieser Verse summt mir schon den ganzen Morgen im Kopfe und klingt vielleicht wider aus allem was ich soeben geschrieben. In einem Stücke von Raimund, dem wackeren Komiker, der sich unlängst aus Melancholie totgeschossen, erscheinen Jugend und Alter als allegorische Personen, und das Lied welches die Jugend singt, wenn sie von dem Helden Abschied nimmt, beginnt mit den erwähnten Versen. Vor vielen Jahren, in München, sah ich dieses Stück, ich glaube es heißt »Der Bauer als Millionär«. Sobald die Jugend abgeht, sieht man, wie die Person des Helden, der allein auf der Szene zurückbleibt, eine sonderbare Veränderung erleidet. Sein braunes Haar wird allmählig grau und endlich schneeweiß; sein Rücken krümmt sich, seine Kniee schlottern; an die Stelle des vorigen Ungestüms tritt eine weinerliche Weichheit... das Alter erscheint. Naht diese winterliche
Gestalt auch schon dem Verfasser dieser Blätter? Gewahrst du schon, teurer
Leser, eine ähnliche Umwandlung an dem Schriftsteller, der immer
jugendlich, fast allzu jugendlich in der Literatur sich bewegte? Es ist ein
betrübender Anblick, wenn ein Schriftsteller vor unseren Augen, angesichts
des ganzen Publikums, allmählig alt wird. Wir habens gesehen, nicht bei
Wolfgang Goethe, dem ewigen Jüngling, aber bei August Wilhelm von
Schlegel, dem bejahrten Gecken; wir habens gesehen, nicht bei Adalbert
Chamisso, der mit jedem Jahre sich blütenreicher verjüngt, aber wir
sahen es bei Herrn Ludwig Tieck, dem ehemaligen romantischen Strohmian, der
jetzt ein alter räudiger Muntsche geworden... O, Ihr Götter! ich
bitte Euch nicht mir die Jugend zu lassen, aber laßt mir die Tugenden der
Jugend, den uneigennützigen Groll, die uneigennützige Träne!
Laßt mich
nicht ein alter Polterer werden, der aus Neid die jüngeren Geister
ankläfft, Mag immerhin meine Stimme zittern und beben, wenn nur der Sinn meiner Worte unerschrocken und frisch bleibt! Sie lächelte gestern so sonderbar, halb mitleidig und halb boshaft, die schöne Freundin, als sie mit ihren rosigen Fingern meine Locken glättete... Nicht wahr, du hast auf meinem Haupte einige weiße Haare bemerkt? »Und scheint die
Sonne noch so schön, Geschrieben zu Paris im Frühjahr 1837. Heinrich Heine |
Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek |
Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC IntraText® (V89) - Some rights reserved by EuloTech SRL - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License |