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Was liebte ich denn
nun aber an dir, meinem Diebstahl, ich Elender, und jener nächtlichen Schandtat
im sechzehnten Jahre meines Lebens? Du warst nicht schön, weil du eben ein
Diebstahl warst, oder warst du denn überhaupt etwas, daß ich zu dir rede? Schön
waren jene Früchte, die wir stahlen, weil du sie geschaffen, du Schönster von
allen, du Schöpfer des Alls, gütiger Gott, du mein höchstes, du allein wahres
Gut. Schön waren jene Früchte, aber nicht sie waren es, die meine elende Seele
begehrte, denn bessere hatte ich in Menge; jene pflückte ich nur, um zu
stehlen. Denn das abgepflückte Obst warf ich hinweg, und die Speise, die mich
ergötzte, war einzig und allein die Sünde. Aß ich auch etwas davon, so wurde es
mir doch nur durch die Sünde gewürzt. Und nun, mein Herr und mein Gott, frage
ich dich, welche Freude mir der Diebstahl gewährte; er hat nichts Schönes,
nichts Reizendes, wie es von Mäßigung und Klugheit ganz und ·gar zu schweigen
in der Einsicht, dem Erinnerungsvermögen, den Sinnen und der Lebensfreudigkeit
liegt, r nichts Reizvolles, wie es der Glanz der Gestirne hat, welche das
Himmelszelt zieren, nicht wie die Erde und das Meer, voll zeugenden Lebens, wo
Entstehen und Vergehen in ewigem Wechsel begriffen sind kurz meine Tat hatte
nicht einmal jenen mangelhaften, nachäffenden Reiz, wie ihn Sünden haben, die
uns täuschen (indem sie sich als Tugenden darstellen).So ahmt der Stolz die
Erhabenheit nach, während du doch, o Gott, allein über alles erhaben bist; so
sucht die Ehrsucht nur Ehre und Ruhm, während du doch vor allen allein zu
verehren bist und zu preisen in Ewigkeit; so will die Strenge der Mächtigen
gefürchtet werden; ist es denn nicht Gott, dem allein Furcht gebührt? Was kann
deiner Macht entzogen und entrissen werden ? Wann, wo oder von wem wäre dies
wohl möglich? Die Liebkosungen der Mutwilligen wollen gefallen; doch nichts ist
liebenswürdiger als deine Huld, und keine Liebe ist heilsamer als die Liebe zu
deiner Wahrheit, die vor allem schön und lichtvoll ist. Die Neugierde strebt
wißbegierig zu erscheinen, während du doch allwissend bist. Selbst die
Unwissenheit und Torheit hüllen sich in den Deckmantel schlichter Einfalt und
Unschuld, und doch gleicht dir niemand an Unschuld und Unsträflichkeit, denn
die Taten der Bösen strafen sich selbst; die Trägheit will für Seelenruhe
gelten, doch gesicherte Ruhe ist allein bei dem Herrn. Die Üppigkeit möchte
gern Genüge und Fülle heißen, du aber bist allein (wahre) Fülle und
unergründliche Quelle unvergänglicher Wonne. Die Verschwendung heuchelt
Freigebigkeit zu sein, du aber bist der freigebigste, reichlichste Spender
aller Güter; die Habsucht will Edles besitzen du besitzt alles. Die Scheelsucht
streitet über den Vorzug, doch wer ist vorzüglicher als du? Die Furcht
schaudert vor ungewöhnlichen und plötzlich hereinbrechenden Ereignissen, die
über das, was uns lieb, hereinbrechen, und macht ängstlich für ihre Sicherheit;
doch was ist dir ungewöhnlich, was Unvermutet? Wer will von dir scheiden, was
du liebst? Oder wo gibt es wahre Sicherheit, wenn nicht bei dir? Die Trauer verzehrt
sich, wenn sie verloren, was die Wollust erfreute, weil sie wollte, daß ihr
nichts genommen würde, wie dir nichts genommen werden kann.So bricht die Seele
den Bund der Treue, wenn sie sich von dir abwendet und nicht suchet in dir, was
sie rein und klar nur findet, wenn sie zurückkehrt zu dir. Verkehrt ahmen dich
alle nach, die sich von dir entfernen und stehen auf wider dich. Allein indem
sie dich so nachahmen, zeigen sie doch, daß du der Schöpfer der gesamten Natur
bist und daß es ein Ding der Unmöglichkeit ist, sich völlig von dir zu
scheiden. Was also liebte ich an jenem Diebstahle, Und worin ahmte ich meinen
Herrn nach, wenn auch nur in frevelhafter und verkehrter Weise? War es die
Lust, dem Gesetz zuwiderzuhandeln, wenigstens durch Trug, weil ich mit meinem
menschlichen Vermögen die dem Gebundenen mangelnde Freiheit durch strafloses
Tun strafbarer Handlungen nicht nachahmen und so ein Zerrbild deiner Allmacht
geben konnte? Es ist jener Knecht, der seinen Hemd verließ, um dem Schatten zu
folgen. O Verderbnis, o Schauer des Lebens und Tiefe des Todes! Konnte ich
wirklich Gelüst nach Unerlaubtem tragen, nur weil es Unerlaubtes war?
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