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Franz Kafka
Der Prozeß
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Neuntes Kapitel. Im Dom
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Neuntes
Kapitel
.
Im
Dom
K
.
bekam
den
Auftrag
, einem
italienischen
Geschäftsfreund
der
Bank
, der
für
sie sehr
wichtig
war und sich zum
erstenmal
in dieser
Stadt
aufhielt
, einige
Kunstdenkmäler
zu
zeigen
. Es war ein
Auftrag
, den er zu anderer
Zeit
gewiß
für
ehrend
gehalten
hätte, den er aber jetzt,
da
er nur mit
großer
Anstrengung
sein
Ansehen
in der
Bank
noch
wahren
konnte,
widerwillig
übernahm
. Jede
Stunde
, die er dem
Büro
entzogen
wurde
,
machte
ihm
Kummer
; er konnte zwar die
Bürozeit
bei
weitem
nicht mehr so
ausnutzen
wie
früher
, er
brachte
manche
Stunden
nur unter dem
notdürftigsten
Anschein
wirklicher
Arbeit
hin, aber
desto
größer
waren
seine
Sorgen
, wenn er nicht im
Büro
war. Er
glaubte
dann zu
sehen
, wie der
Direktor-Stellvertreter
, der ja immer auf der
Lauer
gewesen
war, von
Zeit
zu
Zeit
in
sein
Büro
kam
, sich an seinen
Schreibtisch
setzte
, seine
Schriftstücke
durchsuchte
,
Parteien
, mit denen
K
. seit
Jahren
fast
befreundet
gewesen
war,
empfing
und
ihm
abspenstig
machte
, ja vielleicht sogar
Fehler
aufdeckte
, von denen sich
K
.
während
der
Arbeit
jetzt immer aus
tausend
Richtungen
bedroht
sah
und die er nicht mehr
vermeiden
konnte.
Wurde
er daher
einmal
,
sei
es in noch so
auszeichnender
Weise
, zu einem
Geschäftsweg
oder
gar
zu einer
kleinen
Reise
beauftragt
- solche
Aufträge
hatten sich in der
letzten
Zeit
ganz
zufällig
gehäuft
-, dann
lag
immerhin
die
Vermutung
nahe
, daß man
ihn
für
ein
Weilchen
aus dem
Büro
entfernen
und seine
Arbeit
überprüfen
wolle
oder
wenigstens
, daß man im
Büro
ihn
für
leicht
entbehrlich
halte
. Die
meisten
dieser
Aufträge
hätte er ohne
Schwierigkeit
ablehnen
können
, aber er
wagte
es nicht,
denn
, wenn seine
Befürchtung
auch nur im
geringsten
begründet
war,
bedeutete
die
Ablehnung
des
Auftrags
Geständnis
seiner
Angst
. Aus diesem
Grunde
nahm
er solche
Aufträge
scheinbar
gleichmütig
hin und
verschwieg
sogar, als er eine
anstrengende
zweitägige
Geschäftsreise
machen
sollte
, eine
ernstliche
Verkühlung
, um sich nur nicht der
Gefahr
auszusetzen
, mit
Berufung
auf das
gerade
herrschende
regnerische
Herbstwetter
von der
Reise
abgehalten
zu werden. Als er von dieser
Reise
mit
wütenden
Kopfschmerzen
zurückkehrte
,
erfuhr
er, daß er dazu
bestimmt
sei
, am
nächsten
Tag
den
italienischen
Geschäftsfreund
zu
begleiten
. Die
Verlockung
, sich
wenigstens
dieses eine
Mal
zu
weigern
, war sehr
groß
,
vor
allem war das, was man
ihm
hier
zugedacht
hatte, keine
unmittelbar
mit dem
Geschäft
zusammenhängende
Arbeit
, aber die
Erfüllung
dieser
gesellschaftlichen
Pflicht
gegenüber
dem
Geschäftsfreund
war an sich
zweifellos
wichtig
genug, nur nicht
für
K
., der
wohl
wußte
, daß er sich nur durch
Arbeitserfolge
erhalten
könne
und daß es, wenn
ihm
das nicht
gelänge
,
vollständig
wertlos
war, wenn er diesen
Italiener
unerwarteterweise
sogar
bezaubern
sollte
; er
wollte
nicht
einmal
für
einen
Tag
aus dem
Bereich
der
Arbeit
geschoben
werden,
denn
die
Furcht
, nicht mehr
zurückgelassen
zu werden, war zu
groß
, eine
Furcht
, die er sehr
genau
als
übertrieben
erkannte
, die
ihn
aber doch
beengte
. In diesem
Fall
allerdings
war es fast
unmöglich
, einen
annehmbaren
Einwand
zu
erfinden
,
K
.
s
Kenntnis
des
Italienischen
war zwar nicht sehr
groß
, aber
immerhin
genügend
; das
Entscheidende
aber war, daß
K
. aus
früherer
Zeit
einige
kunsthistorische
Kenntnisse
besaß
, was in
äußerst
übertriebener
Weise
dadurch
in der
Bank
bekanntgeworden
war, daß
K
. eine
Zeitlang
,
übrigens
auch nur aus
geschäftlichen
Gründen
,
Mitglied
des
Vereins
zur
Erhaltung
der
städtischen
Kunstdenkmäler
gewesen
war. Nun war aber der
Italiener
, wie man
gerüchteweise
erfahren
hatte, ein
Kunstliebhaber
, und die
Wahl
K
.
s
zu seinem
Begleiter
war daher
selbstverständlich
.
Es war ein sehr
regnerischer
,
stürmischer
Morgen
, als
K
.
voll
Ärger
über den
Tag
, der
ihm
bevorstand
, schon um sieben
Uhr
ins
Büro
kam
, um
wenigstens
einige
Arbeit
noch
fertigzubringen
,
ehe
der
Besuch
ihn
allem
entziehen
würde
. Er war sehr
müde
,
denn
er hatte die
halbe
Nacht
mit dem
Studium
einer
italienischen
Grammatik
verbracht
, um sich ein wenig
vorzubereiten
; das
Fenster
, an dem er in der
letzten
Zeit
viel zu
oft
zu
sitzen
pflegte
,
lockte
ihn
mehr als der
Schreibtisch
, aber er
widerstand
und
setzte
sich zur
Arbeit
.
Leider
trat
gerade
der
Diener
ein und
meldete
, der
Herr
Direktor
habe
ihn
geschickt
, um
nachzusehen
, ob der
Herr
Prokurist
schon hier
sei
;
sei
er hier, dann
möge
er so
freundlich
sein
und
ins
Empfangszimmer
hinüberkommen
, der
Herr
aus
Italien
sei
schon
da
. "Ich
komme
schon",
sagte
K
.,
steckte
ein
kleines
Wörterbuch
in die
Tasche
,
nahm
ein
Album
der
städtischen
Sehenswürdigkeiten
, das er
für
den
Fremden
vorbereitet
hatte, unter den
Arm
und
ging
durch das
Büro
des
Direktor-Stellvertreters
in das
Direktionszimmer
. Er war
glücklich
darüber
, so
früh
ins
Büro
gekommen
zu
sein
und
sofort
zur
Verfügung
stehen
zu
können
, was
wohl
niemand
ernstlich
erwartet
hatte. Das
Büro
des
Direktor-Stellvertreters
war
natürlich
noch
leer
wie in
tiefer
Nacht
,
wahrscheinlich
hatte der
Diener
auch
ihn
ins
Empfangszimmer
berufen
sollen
, es war aber
erfolglos
gewesen
. Als
K
.
ins
Empfangszimmer
eintrat
,
erhoben
sich die zwei
Herren
aus den
tiefen
Fauteuils
. Der
Direktor
lächelte
freundlich
,
offenbar
war er sehr
erfreut
über
K
.
s
Kommen
, er
besorgte
sofort
die
Vorstellung
, der
Italiener
schüttelte
K
.
kräftig
die
Hand
und
nannte
lächelnd
irgend
jemanden
einen
Frühaufsteher
.
K
.
verstand
nicht
genau
, wen er
meinte
, es war
überdies
ein
sonderbares
Wort
, dessen
Sinn
K
.
erst
nach einem
Weilchen
erriet
. Er
antwortete
mit
einigen
glatten
Sätzen
, die der
Italiener
wieder
lachend
hinnahm
,
wobei
er
mehrmals
mit
nervöser
Hand
über seinen
graublauen
,
buschigen
Schnurrbart
fuhr
. Dieser
Bart
war
offenbar
parfümiert
, man war fast
versucht
, sich zu
nähern
und zu
riechen
. Als sich alle
gesetzt
hatten und ein
kleines
,
einleitendes
Gespräch
begann
,
bemerkte
K
. mit
großem
Unbehagen
, daß er den
Italiener
nur
bruchstückweise
verstand
. Wenn er
ganz
ruhig
sprach
,
verstand
er
ihn
fast
vollständig
, das
waren
aber nur
seltene
Ausnahmen
,
meistens
quoll
ihm
die
Rede
aus dem
Mund
, er
schüttelte
den
Kopf
wie
vor
Lust
darüber
. Bei
solchen
Reden
aber
verwickelte
er sich
regelmäßig
in
irgendeinen
Dialekt
, der
für
K
. nichts
Italienisches
mehr hatte, den aber der
Direktor
nicht nur
verstand
,
sondern
auch
sprach
, was
K
.
allerdings
hätte
voraussehen
können
,
denn
der
Italiener
stammte
aus
Süditalien
, wo auch der
Direktor
einige
Jahre
gewesen
war.
Jedenfalls
erkannte
K
., daß
ihm
die
Möglichkeit
, sich mit dem
Italiener
zu
verständigen
, zum
größten
Teil
genommen
war,
denn
auch dessen
Französisch
war nur
schwer
verständlich
, auch
verdeckte
der
Bart
die
Lippenbewegungen
, deren
Anblick
vielleicht zum
Verständnis
geholfen
hätte.
K
.
begann
viel
Unannehmlichkeiten
vorauszusehen
,
vorläufig
gab
er es auf, den
Italiener
verstehen
zu
wollen
- in der
Gegenwart
des
Direktors
, der
ihn
so
leicht
verstand
,
wäre
es
unnötige
Anstrengung
gewesen
-, und er
beschränkte
sich darauf,
ihn
verdrießlich
zu
beobachten
, wie er
tief
und doch
leicht
in dem
Fauteuil
ruhte
, wie er
öfters
an seinem
kurzen
,
scharf
geschnittenen
Röckchen
zupfte
und wie er
einmal
mit
erhobenen
Armen
und
lose
in den
Gelenken
bewegten
Händen
irgend
etwas
darzustellen
versuchte
, das
K
. nicht
begreifen
konnte, obwohl er
vorgebeugt
die
Hände
nicht aus den
Augen
ließ
.
Schließlich
machte
sich bei
K
., der sonst
unbeschäftigt
, nur
mechanisch
mit den
Blicken
dem Hin und Her der
Reden
folgte
, die
frühere
Müdigkeit
geltend
, und er
ertappte
sich
einmal
zu seinem
Schrecken
,
glücklicherweise
noch
rechtzeitig
, dabei, daß er in der
Zerstreutheit
gerade
hatte
aufstehen
, sich
umdrehen
und
weggehen
wollen
.
Endlich
sah
der
Italiener
auf die
Uhr
und
sprang
auf. Nachdem er sich vom
Direktor
verabschiedet
hatte,
drängte
er sich an
K
., und zwar so
dicht
, daß
K
. seinen
Fauteuil
zurückschieben
mußte
, um sich
bewegen
zu
können
. Der
Direktor
, der
gewiß
an
K
.
s
Augen
die
Not
erkannte
, in der er sich
gegenüber
diesem
Italienisch
befand
,
mischte
sich in das
Gespräch
, und zwar so
klug
und so
zart
, daß es den
Anschein
hatte, als
füge
er nur
kleine
Ratschläge
bei,
während
er in
Wirklichkeit
alles, was der
Italiener
,
unermüdlich
ihm
in die
Rede
fallend
,
vorbrachte
, in aller
Kürze
K
.
verständlich
machte
.
K
.
erfuhr
von
ihm
, daß der
Italiener
vorläufig
noch einige
Geschäfte
zu
besorgen
habe, daß er
leider
auch im
ganzen
nur wenig
Zeit
haben
werde
, daß er auch
keinesfalls
beabsichtige
, in
Eile
alle
Sehenswürdigkeiten
abzulaufen
, daß er sich
vielmehr
-
allerdings
nur, wenn
K
.
zustimme
, bei
ihm
allein
liege
die
Entscheidung
-
entschlossen
habe, nur den
Dom
, diesen aber
gründlich
, zu
besichtigen
. Er
freue
sich
ungemein
, diese
Besichtigung
in
Begleitung
eines so
gelehrten
und
liebenswürdigen
Mannes
- damit war
K
.
gemeint
, der mit nichts
anderem
beschäftigt
war, als den
Italiener
zu
überhören
und die
Worte
des
Direktors
schnell
aufzufassen
-
vornehmen
zu
können
, und er
bitte
ihn
, wenn
ihm
die
Stunde
gelegen
sei
, in zwei
Stunden
, etwa um zehn
Uhr
, sich im
Dom
einzufinden
. Er selbst
hoffe
, um diese
Zeit
schon
bestimmt
dort
sein
zu
können
.
K
.
antwortete
einiges
Entsprechende
, der
Italiener
drückte
zuerst
dem
Direktor
, dann
K
., dann
nochmals
dem
Direktor
die
Hand
und
ging
, von
beiden
gefolgt
, nur noch
halb
ihnen
zugewendet
, im
Reden
aber noch immer nicht
aussetzend
, zur
Tür
.
K
.
blieb
dann noch ein
Weilchen
mit dem
Direktor
beisammen
, der
heute
besonders
leidend
aussah
. Er
glaubte
, sich bei
K
. irgendwie
entschuldigen
zu
müssen
und
sagte
- sie
standen
vertraulich
nahe
beisammen
-,
zuerst
hätte er
beabsichtigt
, selbst mit dem
Italiener
zu
gehen
, dann aber - er
gab
keinen
näheren
Grund
an - habe er sich
entschlossen
,
lieber
K
. zu
schicken
. Wenn er den
Italiener
nicht
gleich
im
Anfang
verstehe
, so
müsse
er sich
dadurch
nicht
verblüffen
lassen
, das
Verständnis
komme
sehr
rasch
, und wenn er auch viel
überhaupt
nicht
verstehen
sollte
, so
sei
es auch nicht so
schlimm
,
denn
für
den
Italiener
sei
es nicht
gar
so
wichtig
,
verstanden
zu werden.
Übrigens
sei
K
.
s
Italienisch
überraschend
gut
, und er
werde
sich
gewiß
ausgezeichnet
mit der
Sache
abfinden
. Damit war
K
.
verabschiedet
. Die
Zeit
, die
ihm
noch
freiblieb
,
verbrachte
er damit,
seltene
Vokabeln
, die er zur
Führung
im
Dom
benötigte
, aus dem
Wörterbuch
herauszuschreiben
. Es war eine
äußerst
lästige
Arbeit
,
Diener
brachten
die
Post
,
Beamte
kamen
mit
verschiedenen
Anfragen
und
blieben
,
da
sie
K
.
beschäftigt
sahen
, bei der
Tür
stehen
,
rührten
sich aber nicht
weg
,
bevor
sie
K
.
angehört
hatte, der
Direktor-Stellvertreter
ließ
es sich nicht
entgehen
,
K
. zu
stören
,
kam
öfters
herein
,
nahm
ihm
das
Wörterbuch
aus der
Hand
und
blätterte
offenbar
ganz
sinnlos
darin, selbst
Parteien
tauchten
, wenn sich die
Tür
öffnete
, im
Halbdunkel
des
Vorzimmers
auf und
verbeugten
sich
zögernd
- sie
wollten
auf sich
aufmerksam
machen
,
waren
aber dessen nicht
sicher
, ob sie
gesehen
wurden
-, das alles
bewegte
sich um
K
. als um seinen
Mittelpunkt
,
während
er selbst die
Wörter
, die er
brauchte
,
zusammenstellte
, dann im
Wörterbuch
suchte
, dann
herausschrieb
, dann ihre
Aussprache
übte
und
schließlich
auswendig
zu
lernen
versuchte
.
Sein
früheres
gutes
Gedächtnis
schien
ihn
aber
ganz
verlassen
zu haben, manchmal
wurde
er auf den
Italiener
, der
ihm
diese
Anstrengung
verursachte
, so
wütend
, daß er das
Wörterbuch
unter
Papieren
vergrub
, mit der
festen
Absicht
, sich nicht mehr
vorzubereiten
, dann aber
sah
er ein, daß er doch nicht
stumm
mit dem
Italiener
vor
den
Kunstwerken
im
Dom
auf und ab
gehen
könne
, und er
zog
mit noch
größerer
Wut
das
Wörterbuch
wieder
hervor
.
Gerade
um
halb
zehn
Uhr
, als er
weggehen
wollte
,
erfolgte
ein
telephonischer
Anruf
,
Leni
wünschte
ihm
guten
Morgen
und
fragte
nach seinem
Befinden
,
K
.
dankte
eilig
und
bemerkte
, er
könne
sich jetzt
unmöglich
in ein
Gespräch
einlassen
,
denn
er
müsse
in den
Dom
. "In den
Dom
?"
fragte
Leni
. "Nun ja, in den
Dom
." "Warum
denn
in den
Dom
?"
sagte
Leni
.
K
.
suchte
es ihr in
Kürze
zu
erklären
, aber
kaum
hatte er damit
angefangen
,
sagte
Leni
plötzlich
: "Sie
hetzen
dich."
Bedauern
, das er nicht
herausgefordert
und nicht
erwartet
hatte,
vertrug
K
. nicht, er
verabschiedete
sich mit zwei
Worten
,
sagte
aber doch,
während
er den
Hörer
an seinen
Platz
hängte
,
halb
zu sich,
halb
zu dem
fernen
Mädchen
, das es nicht mehr
hörte
: "Ja, sie
hetzen
mich."
Nun war es aber schon
spät
, es
bestand
schon fast die
Gefahr
, daß er nicht
rechtzeitig
ankam
. Im
Automobil
fuhr
er hin, im
letzten
Augenblick
hatte er sich noch an das
Album
erinnert
, das er
früh
zu
übergeben
keine
Gelegenheit
gefunden
hatte und das er deshalb jetzt
mitnahm
. Er
hielt
es auf seinen
Knien
und
trommelte
darauf
unruhig
während
der
ganzen
Fahrt
. Der
Regen
war
schwächer
geworden
, aber es war
feucht
,
kühl
und
dunkel
, man
würde
im
Dom
wenig
sehen
,
wohl
aber
würde
sich dort,
infolge
des
langen
Stehens
auf den
kalten
Fliesen
,
K
.
s
Verkühlung
sehr
verschlimmern
. Der
Domplatz
war
ganz
leer
,
K
.
erinnerte
sich, daß es
ihm
schon als
kleinem
Kind
aufgefallen
war, daß in den
Häusern
dieses
engen
Platzes
immer fast alle
Fenstervorhänge
herabgelassen
waren
. Bei dem
heutigen
Wetter
war es
allerdings
verständlicher
als sonst. Auch im
Dom
schien
es
leer
zu
sein
, es
fiel
natürlich
niemandem
ein, jetzt
hierherzukommen
.
K
.
durchlief
beide
Seitenschiffe
, er
traf
nur ein
altes
Weib
, das,
eingehüllt
in ein
warmes
Tuch
,
vor
einem
Marienbild
kniete
und es
anblickte
. Von
weitem
sah
er dann noch einen
hinkenden
Diener
in einer
Mauertür
verschwinden
.
K
. war
pünktlich
gekommen
,
gerade
bei seinem
Eintritt
hatte es zehn
geschlagen
, der
Italiener
war aber noch nicht hier.
K
.
ging
zum
Haupteingang
zurück
,
stand
dort eine
Zeitlang
unentschlossen
und
machte
dann im
Regen
einen
Rundgang
um den
Dom
, um
nachzusehen
, ob der
Italiener
nicht vielleicht bei
irgendeinem
Seiteneingang
warte
. Er war nirgends zu
finden
.
Sollte
der
Direktor
etwa die
Zeitangabe
mißverstanden
haben? Wie konnte man auch diesen
Menschen
richtig
verstehen
? Wie es aber auch
sein
mochte
,
jedenfalls
mußte
K
.
zumindest
eine
halbe
Stunde
auf
ihn
warten
.
Da
er
müde
war,
wollte
er sich
setzen
, er
ging
wieder in den
Dom
,
fand
auf einer
Stufe
einen
kleinen
,
teppichartigen
Fetzen
,
zog
ihn
mit der
Fußspitze
vor
eine
nahe
Bank
,
wickelte
sich
fester
in seinen
Mantel
,
schlug
den
Kragen
in die
Höhe
und
setzte
sich. Um sich zu
zerstreuen
,
schlug
er das
Album
auf,
blätterte
darin ein wenig,
mußte
aber
bald
aufhören
,
denn
es
wurde
so
dunkel
, daß er, als er
aufblickte
, in dem
nahen
Seitenschiff
kaum
eine
Einzelheit
unterscheiden
konnte.
In der
Ferne
funkelte
auf dem
Hauptaltar
ein
großes
Dreieck
von
Kerzenlichtern
,
K
. hätte nicht mit
Bestimmtheit
sagen
können
, ob er sie schon
früher
gesehen
hatte. Vielleicht
waren
sie
erst
jetzt
angezündet
worden
. Die
Kirchendiener
sind
berufsmäßige
Schleicher
, man
bemerkt
sie nicht. Als sich
K
.
zufällig
umdrehte
,
sah
er nicht
weit
hinter sich eine
hohe
,
starke
, an einer
Säule
befestigte
Kerze
gleichfalls
brennen
. So
schön
das war, zur
Beleuchtung
der
Altarbilder
, die
meistens
in der
Finsternis
der
Seitenaltäre
hingen
, war das
gänzlich
unzureichend
, es
vermehrte
vielmehr
die
Finsternis
. Es war vom
Italiener
ebenso
vernünftig
als
unhöflich
gehandelt
, daß er nicht
gekommen
war, es
wäre
nichts zu
sehen
gewesen
, man hätte sich damit
begnügen
müssen
, mit
K
.
s
elektrischer
Taschenlampe
einige
Bilder
zollweise
abzusuchen
. Um zu
versuchen
, was man davon
erwarten
könnte
,
ging
K
. zu einer
nahen
Seitenkapelle
,
stieg
ein
paar
Stufen
bis zu einer
niedrigen
Marmorbrüstung
und, über sie
vorgebeugt
,
beleuchtete
er mit der
Lampe
das
Altarbild
.
Störend
schwebte
das
ewige
Licht
davor
. Das
erste
, was
K
.
sah
und zum
Teil
erriet
, war ein
großer
,
gepanzerter
Ritter
, der am
äußersten
Rande
des
Bildes
dargestellt
war. Er
stützte
sich auf
sein
Schwert
, das er in den
kahlen
Boden
vor
sich - nur einige
Grashalme
kamen
hie
und
da
hervor
-
gestoßen
hatte. Er
schien
aufmerksam
einen
Vorgang
zu
beobachten
, der sich
vor
ihm
abspielte
. Es war
erstaunlich
, daß er so
stehenblieb
und sich nicht
näherte
. Vielleicht war er dazu
bestimmt
,
Wache
zu
stehen
.
K
., der schon
lange
keine
Bilder
gesehen
hatte,
betrachtete
den
Ritter
längere
Zeit
, obwohl er
immerfort
mit den
Augen
zwinkern
mußte
,
da
er das
grüne
Licht
der
Lampe
nicht
vertrug
. Als er dann das
Licht
über den
übrigen
Teil
des
Bildes
streichen
ließ
,
fand
er eine
Grablegung
Christi
in
gewöhnlicher
Auffassung
, es war
übrigens
ein
neueres
Bild
. Er
steckte
die
Lampe
ein und
kehrte
wieder zu seinem
Platz
zurück
.
Es war nun schon
wahrscheinlich
unnötig
, auf den
Italiener
zu
warten
,
draußen
war aber
gewiß
strömender
Regen
, und
da
es hier nicht so
kalt
war, wie
K
.
erwartet
hatte,
beschloß
er,
vorläufig
hierzubleiben
. In seiner
Nachbarschaft
war die
große
Kanzel
, auf ihrem
kleinen
,
runden
Dach
waren
halb
liegend
zwei
leere
,
goldene
Kreuze
angebracht
, die
einander
mit ihrer
äußersten
Spitze
überquerten
. Die
Außenwand
der
Brüstung
und der
Übergang
zur
tragenden
Säule
war von
grünem
Laubwerk
gebildet
, in das
kleine
Engel
griffen
,
bald
lebhaft
,
bald
ruhend
.
K
.
trat
vor
die
Kanzel
und
untersuchte
sie von
allen
Seiten
, die
Bearbeitung
des
Steines
war
überaus
sorgfältig
, das
tiefe
Dunkel
zwischen dem
Laubwerk
und hinter
ihm
schien
wie
eingefangen
und
festgehalten
,
K
.
legte
seine
Hand
in eine solche
Lücke
und
tastete
dann den
Stein
vorsichtig
ab, von dem
Dasein
dieser
Kanzel
hatte er
bisher
gar
nicht
gewußt
.
Da
bemerkte
er
zufällig
hinter der
nächsten
Bankreihe
einen
Kirchendiener
, der dort in einem
hängenden
,
faltigen
,
schwarzen
Rock
stand
, in der
linken
Hand
eine
Schnupftabakdose
hielt
und
ihn
betrachtete
. Was will
denn
der Mann?
dachte
K
. Bin ich
ihm
verdächtig
? Will er ein
Trinkgeld
? Als sich aber nun der
Kirchendiener
von
K
.
bemerkt
sah
,
zeigte
er mit der
Rechten
, zwischen zwei
Fingern
hielt
er noch eine
Prise
Tabak
, in irgendeiner
unbestimmten
Richtung
.
Sein
Benehmen
war fast
unverständlich
,
K
.
wartete
noch ein
Weilchen
, aber der
Kirchendiener
hörte
nicht auf, mit der
Hand
etwas zu
zeigen
und
bekräftigte
es noch durch
Kopfnicken
. "Was will er
denn
?"
fragte
K
.
leise
, er
wagte
es nicht, hier zu
rufen
; dann aber
zog
er die
Geldtasche
und
drängte
sich durch die
nächste
Bank
, um zu dem Mann zu
kommen
. Doch dieser
machte
sofort
eine
abwehrende
Bewegung
mit der
Hand
,
zuckte
die
Schultern
und
hinkte
davon. Mit einer
ähnlichen
Gangart
, wie es dieses
eilige
Hinken
war, hatte
K
. als
Kind
das
Reiten
auf
Pferden
nachzuahmen
versucht
. "Ein
kindischer
Alter
",
dachte
K
., "
sein
Verstand
reicht
nur noch zum
Kirchendienst
aus. Wie er
stehenbleibt
, wenn ich
stehe
, und wie er
lauert
, ob ich
weitergehen
will."
Lächelnd
folgte
K
. dem
Alten
durch das
ganze
Seitenschiff
fast bis zur
Höhe
des
Hauptaltars
, der
Alte
hörte
nicht auf, etwas zu
zeigen
, aber
K
.
drehte
sich
absichtlich
nicht um, das
Zeigen
hatte
keinen
anderen
Zweck
, als
ihn
von der
Spur
des
Alten
abzubringen
.
Schließlich
ließ
er
wirklich
von
ihm
, er
wollte
ihn
nicht zu sehr
ängstigen
, auch
wollte
er die
Erscheinung
,
für
den
Fall
, daß der
Italiener
doch noch
kommen
sollte
, nicht
ganz
verscheuchen
.
Als er in das
Hauptschiff
trat
, um seinen
Platz
zu
suchen
, auf dem er das
Album
liegengelassen
hatte,
bemerkte
er an einer
Säule
, fast
angrenzend
an die
Bänke
des
Altarchors
, eine
kleine
Nebenkanzel
,
ganz
einfach
, aus
kahlem
,
bleichem
Stein
. Sie war so
klein
, daß sie aus der
Ferne
wie eine noch
leere
Nische
erschien
, die
für
die
Aufnahme
einer
Heiligenstatue
bestimmt
war. Der
Prediger
konnte
gewiß
keinen
vollen
Schritt
von der
Brüstung
zurücktreten
.
Außerdem
begann
die
steinerne
Einwölbung
der
Kanzel
ungewöhnlich
tief
und
stieg
, zwar ohne
jeden
Schmuck
, aber
derartig
geschweift
in die
Höhe
, daß ein
mittelgroßer
Mann dort nicht
aufrecht
stehen
konnte,
sondern
sich
dauernd
über die
Brüstung
vorbeugen
mußte
. Das
Ganze
war wie zur
Qual
des
Predigers
bestimmt
, es war
unverständlich
, wozu man diese
Kanzel
benötigte
,
da
man doch die
andere
,
große
und so
kunstvoll
geschmückte
zur
Verfügung
hatte.
K
.
wäre
auch diese
kleine
Kanzel
gewiß
nicht
aufgefallen
, wenn nicht oben eine
Lampe
befestigt
gewesen
wäre
, wie man sie
kurz
vor
einer
Predigt
bereitzustellen
pflegt
.
Sollte
jetzt etwa eine
Predigt
stattfinden
? In der
leeren
Kirche
?
K
.
sah
an der
Treppe
hinab, die an die
Säule
sich
anschmiegend
zur
Kanzel
führte
und so
schmal
war, als
sollte
sie nicht
für
Menschen
,
sondern
nur zum
Schmuck
der
Säule
dienen
. Aber
unten
an der
Kanzel
,
K
.
lächelte
vor
Staunen
,
stand
wirklich
der
Geistliche
,
hielt
die
Hand
am
Geländer
,
bereit
aufzusteigen
, und
sah
auf
K
. hin. Dann
nickte
er
ganz
leicht
mit dem
Kopf
,
worauf
K
. sich
bekreuzigte
und
verbeugte
, was er schon
früher
hätte tun
sollen
. Der
Geistliche
gab
sich einen
kleinen
Aufschwung
und
stieg
mit
kurzen
,
schnellen
Schritten
die
Kanzel
hinauf.
Sollte
wirklich
eine
Predigt
beginnen
? War vielleicht der
Kirchendiener
doch nicht so
ganz
vom
Verstand
verlassen
und hatte
K
. dem
Prediger
zutreiben
wollen
, was
allerdings
in der
leeren
Kirche
äußerst
notwendig
gewesen
war?
Übrigens
gab
es ja noch irgendwo
vor
einem
Marienbild
ein
altes
Weib
, das auch hätte
kommen
sollen
. Und wenn es schon eine
Predigt
sein
sollte
, warum
wurde
sie nicht von der
Orgel
eingeleitet
? Aber die
blieb
still
und
blinkte
nur
schwach
aus der
Finsternis
ihrer
großen
Höhe
.
K
.
dachte
daran, ob er sich jetzt nicht
eiligst
entfernen
sollte
, wenn er es jetzt nicht
tat
, war keine
Aussicht
, daß er es
während
der
Predigt
tun
könnte
, er
mußte
dann
bleiben
,
solange
sie
dauerte
, im
Büro
verlor
er soviel
Zeit
, auf den
Italiener
zu
warten
, war er
längst
nicht mehr
verpflichtet
, er
sah
auf seine
Uhr
, es war elf. Aber konnte
denn
wirklich
gepredigt
werden? Konnte
K
. allein die
Gemeinde
darstellen
? Wie, wenn er ein
Fremder
gewesen
wäre
, der nur die
Kirche
besichtigen
wollte
? Im
Grunde
war er auch nichts
anderes
. Es war
unsinnig
, daran zu
denken
, daß
gepredigt
werden
sollte
, jetzt um elf
Uhr
, an einem
Werktag
, bei
gräßlichstem
Wetter
. Der
Geistliche
- ein
Geistlicher
war es
zweifellos
, ein
junger
Mann mit
glattem
,
dunklem
Gesicht
-
ging
offenbar
nur hinauf, um die
Lampe
zu
löschen
, die
irrtümlich
angezündet
worden
war.
Es war aber nicht so, der
Geistliche
prüfte
vielmehr
das
Licht
und
schraubte
es noch ein wenig auf, dann
drehte
er sich
langsam
der
Brüstung
zu, die er vorn an der
kantigen
Einfassung
mit
beiden
Händen
erfaßte
. So
stand
er eine
Zeitlang
und
blickte
, ohne den
Kopf
zu
rühren
,
umher
.
K
. war ein
großes
Stück
zurückgewichen
und
lehnte
mit den
Ellbogen
an der
vordersten
Kirchenbank
. Mit
unsicheren
Augen
sah
er irgendwo, ohne den
Ort
genau
zu
bestimmen
, den
Kirchendiener
, mit
krummem
Rücken
,
friedlich
, wie nach
beendeter
Aufgabe
, sich
zusammenkauern
. Was
für
eine
Stille
herrschte
jetzt im
Dom
! Aber
K
.
mußte
sie
stören
, er hatte nicht die
Absicht
,
hierzubleiben
; wenn es die
Pflicht
des
Geistlichen
war, zu einer
bestimmten
Stunde
, ohne
Rücksicht
auf die
Umstände
, zu
predigen
, so
mochte
er es tun, es
würde
auch ohne
K
.
s
Beistand
gelingen
,
ebenso
wie die
Anwesenheit
K
.
s
die
Wirkung
gewiß
nicht
steigern
würde
.
Langsam
setzte
sich also
K
. in
Gang
,
tastete
sich auf den
Fußspitzen
an der
Bank
hin,
kam
dann in den
breiten
Hauptweg
und
ging
dort
ganz
ungestört
, nur daß der
steinerne
Boden
unter dem
leisesten
Schritt
erklang
und die
Wölbungen
schwach
, aber
ununterbrochen
, in
vielfachem
,
gesetzmäßigem
Fortschreiten
davon
widerhallten
.
K
.
fühlte
sich ein wenig
verlassen
, als er dort, vom
Geistlichen
vielleicht
beobachtet
, zwischen den
leeren
Bänken
allein
hindurchging
, auch
schien
ihm
die
Größe
des
Doms
gerade
an der
Grenze
des
für
Menschen
noch
Erträglichen
zu
liegen
. Als er zu seinem
früheren
Platz
kam
,
haschte
er
förmlich
, ohne
weiteren
Aufenthalt
, nach dem dort
liegengelassenen
Album
und
nahm
es an sich. Fast hatte er schon das
Gebiet
der
Bänke
verlassen
und
näherte
sich dem
freien
Raum
, der zwischen ihnen und dem
Ausgang
lag
, als er zum
erstenmal
die
Stimme
des
Geistlichen
hörte
. Eine
mächtige
,
geübte
Stimme
. Wie
durchdrang
sie den zu ihrer
Aufnahme
bereiten
Dom
! Es war aber nicht die
Gemeinde
, die der
Geistliche
anrief
, es war
ganz
eindeutig
, und es
gab
keine
Ausflüchte
, er
rief
: "
Josef
K
.!"
K
.
stockte
und
sah
vor
sich auf den
Boden
.
Vorläufig
war er noch
frei
, er konnte noch
weitergehen
und durch eine der drei
kleinen
,
dunklen
Holztüren
, die nicht
weit
vor
ihm
waren
, sich
davonmachen
. Es
würde
eben
bedeuten
, daß er nicht
verstanden
hatte, oder daß er zwar
verstanden
hatte, sich aber darum nicht
kümmern
wollte
.
Falls
er sich aber
umdrehte
, war er
festgehalten
,
denn
dann hatte er das
Geständnis
gemacht
, daß er
gut
verstanden
hatte, daß er
wirklich
der
Angerufene
war und daß er auch
folgen
wollte
. Hätte der
Geistliche
nochmals
gerufen
,
wäre
K
.
gewiß
fortgegangen
, aber
da
alles
still
blieb
,
solange
K
. auch
wartete
,
drehte
er doch ein wenig den
Kopf
,
denn
er
wollte
sehen
, was der
Geistliche
jetzt
mache
. Er
stand
ruhig
auf der
Kanzel
wie
früher
, es war aber
deutlich
zu
sehen
, daß er
K
.
s
Kopfwendung
bemerkt
hatte. Es
wäre
ein
kindliches
Versteckenspiel
gewesen
, wenn sich jetzt
K
. nicht
vollständig
umgedreht
hätte. Er
tat
es und
wurde
vom
Geistlichen
durch ein
Winken
des
Fingers
näher
gerufen
.
Da
jetzt alles
offen
geschehen
konnte,
lief
er - er
tat
es auch aus
Neugierde
und um die
Angelegenheit
abzukürzen
- mit
langen
,
fliegenden
Schritten
der
Kanzel
entgegen
. Bei den
ersten
Bänken
machte
er
halt
, aber dem
Geistlichen
schien
die
Entfernung
noch zu
groß
, er
streckte
die
Hand
aus und
zeigte
mit dem
scharf
gesenkten
Zeigefinger
auf eine
Stelle
knapp
vor
der
Kanzel
.
K
.
folgte
auch darin, er
mußte
auf diesem
Platz
den
Kopf
schon
weit
zurückbeugen
, um den
Geistlichen
noch zu
sehen
. "Du
bist
Josef
K
.",
sagte
der
Geistliche
und
erhob
eine
Hand
auf der
Brüstung
in einer
unbestimmten
Bewegung
. "Ja",
sagte
K
., er
dachte
daran, wie
offen
er
früher
immer seinen
Namen
genannt
hatte, seit
einiger
Zeit
war er
ihm
eine
Last
, auch
kannten
jetzt seinen
Namen
Leute
, mit denen er zum
erstenmal
zusammenkam
, wie
schön
war es, sich
zuerst
vorzustellen
und dann
erst
gekannt
zu werden. "Du
bist
angeklagt
",
sagte
der
Geistliche
besonders
leise
. "Ja",
sagte
K
., "man hat mich davon
verständigt
." "Dann
bist
du der, den ich
suche
",
sagte
der
Geistliche
. "Ich bin der
Gefängniskaplan
." "
Ach
so",
sagte
K
. "Ich habe dich
hierher
rufen
lassen
",
sagte
der
Geistliche
, "um mit dir zu
sprechen
." "Ich
wußte
es nicht",
sagte
K
. "Ich bin
hierhergekommen
, um einem
Italiener
den
Dom
zu
zeigen
." "
Laß
das
Nebensächliche
",
sagte
der
Geistliche
. "Was
hältst
du in der
Hand
? Ist es ein
Gebetbuch
?" "Nein",
antwortete
K
., "es ist ein
Album
der
städtischen
Sehenswürdigkeiten
." "
Leg
es aus der
Hand
",
sagte
der
Geistliche
.
K
.
warf
es so
heftig
weg
, daß es
aufklappte
und mit
zerdrückten
Blättern
ein
Stück
über den
Boden
schleifte
. "
Weißt
du, daß dein
Prozeß
schlecht
steht
?"
fragte
der
Geistliche
. "Es
scheint
mir auch so",
sagte
K
. "Ich habe mir alle
Mühe
gegeben
,
bisher
aber ohne
Erfolg
.
Allerdings
habe ich die
Eingabe
noch nicht
fertig
." "Wie
stellst
du dir das
Ende
vor
?"
fragte
der
Geistliche
. "
Früher
dachte
ich, es
müsse
gut
enden
",
sagte
K
., "jetzt
zweifle
ich daran manchmal selbst. Ich
weiß
nicht, wie es
enden
wird.
Weißt
du es?" "Nein",
sagte
der
Geistliche
, "aber ich
fürchte
, es wird
schlecht
enden
. Man
hält
dich
für
schuldig
. Dein
Prozeß
wird vielleicht über ein
niedriges
Gericht
gar
nicht
hinauskommen
. Man
hält
wenigstens
vorläufig
deine
Schuld
für
erwiesen
." "Ich bin aber nicht
schuldig
",
sagte
K
., "es ist ein
Irrtum
. Wie kann
denn
ein
Mensch
überhaupt
schuldig
sein
. Wir sind hier doch alle
Menschen
, einer wie der
andere
." "Das ist richtig",
sagte
der
Geistliche
, "aber so
pflegen
die
Schuldigen
zu
reden
." "Hast auch du ein
Vorurteil
gegen mich?"
fragte
K
. "Ich habe kein
Vorurteil
gegen dich",
sagte
der
Geistliche
. "Ich
danke
dir",
sagte
K
., "alle
anderen
aber, die an dem
Verfahren
beteiligt
sind, haben ein
Vorurteil
gegen mich. Sie
flößen
es auch den
Unbeteiligten
ein. Meine
Stellung
wird immer
schwieriger
." "Du
mißverstehst
die
Tatsachen
",
sagte
der
Geistliche
, "das
Urteil
kommt
nicht mit
einemmal
, das
Verfahren
geht
allmählich
ins
Urteil
über." "So ist es also",
sagte
K
. und
senkte
den
Kopf
. "Was
willst
du
nächstens
in deiner
Sache
tun?"
fragte
der
Geistliche
. "Ich will noch
Hilfe
suchen
",
sagte
K
. und
hob
den
Kopf
, um zu
sehen
, wie der
Geistliche
es
beurteile
. "Es
gibt
noch
gewisse
Möglichkeiten
, die ich nicht
ausgenutzt
habe." "Du
suchst
zuviel
fremde
Hilfe
",
sagte
der
Geistliche
mißbilligend
, "und
besonders
bei
Frauen
.
Merkst
du
denn
nicht, daß es nicht die
wahre
Hilfe
ist?" "Manchmal und sogar
oft
könnte
ich dir
recht
geben
",
sagte
K
., "aber nicht immer. Die
Frauen
haben eine
große
Macht
. Wenn ich einige
Frauen
, die ich
kenne
, dazu
bewegen
könnte
,
gemeinschaftlich
für
mich zu
arbeiten
,
müßte
ich
durchdringen
.
Besonders
bei diesem
Gericht
, das fast nur aus
Frauenjägern
besteht
.
Zeig
dem
Untersuchungsrichter
eine
Frau
aus der
Ferne
, und er
überrennt
, um nur
rechtzeitig
hinzukommen
, den
Gerichtstisch
und den
Angeklagten
." Der
Geistliche
neigte
den
Kopf
zur
Brüstung
, jetzt
erst
schien
die
Überdachung
der
Kanzel
ihn
niederzudrücken
. Was
für
ein
Unwetter
mochte
draußen
sein
? Das war kein
trüber
Tag
mehr, das war schon
tiefe
Nacht
. Keine
Glasmalerei
der
großen
Fenster
war
imstande
, die
dunkle
Wand
auch nur mit einem
Schimmer
zu
unterbrechen
. Und
gerade
jetzt
begann
der
Kirchendiener
, die
Kerzen
auf dem
Hauptaltar
, eine nach der
anderen
,
auszulöschen
. "
Bist
du mir
böse
?"
fragte
K
. den
Geistlichen
. "Du
weißt
vielleicht nicht, was
für
einem
Gericht
du
dienst
." Er
bekam
keine
Antwort
. "Es sind doch nur meine
Erfahrungen
",
sagte
K
. Oben
blieb
es noch immer
still
. "Ich
wollte
dich nicht
beleidigen
",
sagte
K
.
Da
schrie
der
Geistliche
zu
K
. hinunter: "
Siehst
du
denn
nicht zwei
Schritte
weit
?" Es war im
Zorn
geschrien
, aber
gleichzeitig
wie von einem, der
jemanden
fallen
sieht
und, weil er selbst
erschrocken
ist,
unvorsichtig
, ohne
Willen
schreit
.
Nun
schwiegen
beide
lange
.
Gewiß
konnte der
Geistliche
in dem
Dunkel
, das
unten
herrschte
,
K
. nicht
genau
erkennen
,
während
K
. den
Geistlichen
im
Licht
der
kleinen
Lampe
deutlich
sah
. Warum
kam
der
Geistliche
nicht herunter? Eine
Predigt
hatte er ja nicht
gehalten
,
sondern
K
. nur einige
Mitteilungen
gemacht
, die
ihm
, wenn er sie
genau
beachtete
,
wahrscheinlich
mehr
schaden
als
nützen
würden
.
Wohl
aber
schien
K
. die
gute
Absicht
des
Geistlichen
zweifellos
zu
sein
, es war nicht
unmöglich
, daß er sich mit
ihm
, wenn er
herunterkäme
,
einigen
würde
, es war nicht
unmöglich
, daß er von
ihm
einen
entscheidenden
und
annehmbaren
Rat
bekäme
, der
ihm
zum
Beispiel
zeigen
würde
, nicht etwa wie der
Prozeß
zu
beeinflussen
war,
sondern
wie man aus dem
Prozeß
ausbrechen
, wie man
ihn
umgehen
, wie man
außerhalb
des
Prozesses
leben
könnte
. Diese
Möglichkeit
mußte
bestehen
,
K
. hatte in der
letzten
Zeit
öfters
an sie
gedacht
.
Wußte
aber der
Geistliche
eine solche
Möglichkeit
,
würde
er sie vielleicht, wenn man
ihn
darum
bat
,
verraten
, obwohl er selbst zum
Gerichte
gehörte
und obwohl er, als
K
. das
Gericht
angegriffen
hatte,
sein
sanftes
Wesen
unterdrückt
und
K
. sogar
angeschrien
hatte.
"
Willst
du nicht
herunterkommen
?"
sagte
K
. "Es ist doch keine
Predigt
zu
halten
.
Komm
zu mir herunter." "Jetzt kann ich schon
kommen
",
sagte
der
Geistliche
, er
bereute
vielleicht
sein
Schreien
.
Während
er die
Lampe
von ihrem
Haken
löste
,
sagte
er: "Ich
mußte
zuerst
aus der
Entfernung
mit dir
sprechen
. Ich
lasse
mich sonst zu
leicht
beeinflussen
und
vergesse
meinen
Dienst
."
K
.
erwartete
ihn
unten
an der
Treppe
. Der
Geistliche
streckte
ihm
schon von einer
oberen
Stufe
im
Hinuntergehen
die
Hand
entgegen
. "Hast du ein wenig
Zeit
für
mich?"
fragte
K
. "Soviel
Zeit
, als du
brauchst
",
sagte
der
Geistliche
und
reichte
K
. die
kleine
Lampe
, damit er sie
trage
. Auch in der
Nähe
verlor
sich eine
gewisse
Feierlichkeit
aus seinem
Wesen
nicht. "Du
bist
sehr
freundlich
zu mir",
sagte
K
., sie
gingen
nebeneinander
im
dunklen
Seitenschiff
auf und ab. "Du
bist
eine
Ausnahme
unter
allen
, die zum
Gericht
gehören
. Ich habe mehr
Vertrauen
zu dir als zu
irgend
jemandem
von ihnen, so viele ich schon
kenne
. Mit dir kann ich
offen
reden
." "
Täusche
dich nicht",
sagte
der
Geistliche
. "
Worin
sollte
ich mich
denn
täuschen
?"
fragte
K
. "In dem
Gericht
täuschst
du dich",
sagte
der
Geistliche
, "in den
einleitenden
Schriften
zum
Gesetz
heißt
es von dieser
Täuschung
:
Vor
dem
Gesetz
steht
ein
Türhüter
. Zu diesem
Türhüter
kommt
ein Mann vom
Lande
und
bittet
um
Eintritt
in das
Gesetz
. Aber der
Türhüter
sagt
, daß er
ihm
jetzt den
Eintritt
nicht
gewähren
könne
. Der Mann
überlegt
und
fragt
dann, ob er also
später
werde
eintreten
dürfen
. "Es ist
möglich
",
sagt
der
Türhüter
, "jetzt aber nicht".
Da
das
Tor
zum
Gesetz
offensteht
wie immer und der
Türhüter
beiseite
tritt
,
bückt
sich der Mann, um durch das
Tor
in das
Innere
zu
sehen
. Als der
Türhüter
das
merkt
,
lacht
er und
sagt
: "Wenn es dich so
lockt
,
versuche
es doch,
trotz
meinem
Verbot
hineinzugehen
.
Merke
aber: Ich bin
mächtig
. Und ich bin nur der
unterste
Türhüter
. Von
Saal
zu
Saal
stehen
aber
Türhüter
, einer
mächtiger
als der
andere
. Schon den
Anblick
des
dritten
kann nicht
einmal
ich mehr
vertragen
." Solche
Schwierigkeiten
hat der Mann vom
Lande
nicht
erwartet
, das
Gesetz
soll
doch jedem und immer
zugänglich
sein
,
denkt
er, aber als er jetzt den
Türhüter
in seinem
Pelzmantel
genauer
ansieht
, seine
große
Spitznase
, den
langen
,
dünnen
,
schwarzen
,
tartarischen
Bart
,
entschließt
er sich doch,
lieber
zu
warten
, bis er die
Erlaubnis
zum
Eintritt
bekommt
. Der
Türhüter
gibt
ihm
einen
Schemel
und
läßt
ihn
seitwärts
von der
Tür
sich
niedersetzen
. Dort
sitzt
er
Tage
und
Jahre
. Er
macht
viele
Versuche
,
eingelassen
zu werden und
ermüdet
den
Türhüter
durch seine
Bitten
. Der
Türhüter
stellt
öfters
kleine
Verhöre
mit
ihm
an,
fragt
ihn
nach seiner
Heimat
aus und nach
vielem
anderen
, es sind aber
teilnahmslose
Fragen
, wie sie
große
Herren
stellen
, und zum
Schlusse
sagt
er
ihm
immer wieder, daß er
ihn
noch nicht
einlassen
könne
. Der Mann, der sich
für
seine
Reise
mit
vielem
ausgerüstet
hat,
verwendet
alles, und
sei
es noch so
wertvoll
, um den
Türhüter
zu
bestechen
. Dieser
nimmt
zwar alles an, aber
sagt
dabei: "Ich
nehme
es nur an, damit du nicht
glaubst
, etwas
versäumt
zu haben."
Während
der
vielen
Jahre
beobachtet
der Mann den
Türhüter
fast
ununterbrochen
. Er
vergißt
die
anderen
Türhüter
, und dieser
erste
scheint
ihm
das
einzige
Hindernis
für
den
Eintritt
in das
Gesetz
. Er
verflucht
den
unglücklichen
Zufall
in den
ersten
Jahren
laut
,
später
, als er
alt
wird,
brummt
er nur noch
vor
sich hin. Er wird
kindisch
, und
da
er in dem
jahrelangen
Studium
des
Türhüters
auch die
Flöhe
in seinem
Pelzkragen
erkannt
hat,
bittet
er auch die
Flöhe
,
ihm
zu
helfen
und den
Türhüter
umzustimmen
.
Schließlich
wird
sein
Augenlicht
schwach
, und er
weiß
nicht, ob es um
ihn
wirklich
dunkler
wird oder ob
ihn
nur die
Augen
täuschen
.
Wohl
aber
erkennt
er jetzt im
Dunkel
einen
Glanz
, der
unverlöschlich
aus der
Türe
des
Gesetzes
bricht
. Nun
lebt
er nicht mehr
lange
.
Vor
seinem
Tode
sammeln
sich in seinem
Kopfe
alle
Erfahrungen
der
ganzen
Zeit
zu einer
Frage
, die er
bisher
an den
Türhüter
noch nicht
gestellt
hat. Er
winkt
ihm
zu,
da
er seinen
erstarrenden
Körper
nicht mehr
aufrichten
kann. Der
Türhüter
muß
sich
tief
zu
ihm
hinunterneigen
,
denn
die
Größenunterschiede
haben sich sehr
zuungunsten
des
Mannes
verändert
. "Was
willst
du
denn
jetzt noch
wissen
?"
fragt
der
Türhüter
, "du
bist
unersättlich
." "Alle
streben
doch nach dem
Gesetz
",
sagt
der Mann, "wie
kommt
es, daß in den
vielen
Jahren
niemand
außer
mir
Einlaß
verlangt
hat?" Der
Türhüter
erkennt
, daß der Mann schon am
Ende
ist, und um
sein
vergehendes
Gehör
noch zu
erreichen
,
brüllt
er
ihn
an: "Hier konnte niemand sonst
Einlaß
erhalten
,
denn
dieser
Eingang
war nur
für
dich
bestimmt
. Ich
gehe
jetzt und
schließe
ihn
.""
"Der
Türhüter
hat also den Mann
getäuscht
",
sagte
K
.
sofort
, von der
Geschichte
sehr
stark
angezogen
. "
Sei
nicht
übereilt
",
sagte
der
Geistliche
, "
übernimm
nicht die
fremde
Meinung
ungeprüft
. Ich habe dir die
Geschichte
im
Wortlaut
der
Schrift
erzählt
. Von
Täuschung
steht
darin nichts." "Es ist aber
klar
",
sagte
K
., "und deine
erste
Deutung
war
ganz
richtig. Der
Türhüter
hat die
erlösende
Mitteilung
erst
dann
gemacht
, als sie dem
Manne
nicht mehr
helfen
konnte." "Er
wurde
nicht
früher
gefragt
",
sagte
der
Geistliche
, "
bedenke
auch, daß er nur
Türhüter
war, und als
solcher
hat er seine
Pflicht
erfüllt
." "Warum
glaubst
du, daß er seine
Pflicht
erfüllt
hat?"
fragte
K
., "er hat sie nicht
erfüllt
. Seine
Pflicht
war es vielleicht, alle
Fremden
abzuwehren
, diesen Mann aber,
für
den der
Eingang
bestimmt
war, hätte er
einlassen
müssen
." "Du hast nicht genug
Achtung
vor
der
Schrift
und
veränderst
die
Geschichte
",
sagte
der
Geistliche
. "Die
Geschichte
enthält
über den
Einlaß
ins
Gesetz
zwei
wichtige
Erklärungen
des
Türhüters
, eine am
Anfang
, eine am
Ende
. Die eine
Stelle
lautet
: daß er
ihm
jetzt den
Eintritt
nicht
gewähren
könne
, und die
andere
: dieser
Eingang
war nur
für
dich
bestimmt
.
Bestände
zwischen diesen
beiden
Erklärungen
ein
Widerspruch
, dann
hättest
du
recht
, und der
Türhüter
hätte den Mann
getäuscht
. Nun
besteht
aber kein
Widerspruch
. Im
Gegenteil
, die
erste
Erklärung
deutet
sogar auf die
zweite
hin. Man
könnte
fast
sagen
, der
Türhüter
ging
über seine
Pflicht
hinaus,
indem
er dem Mann eine
zukünftige
Möglichkeit
des
Einlasses
in
Aussicht
stellte
. Zu
jener
Zeit
scheint
es nur seine
Pflicht
gewesen
zu
sein
, den Mann
abzuweisen
, und
tatsächlich
wundern
sich viele
Erklärer
der
Schrift
darüber
, daß der
Türhüter
jene
Andeutung
überhaupt
gemacht
hat,
denn
er
scheint
die
Genauigkeit
zu
lieben
und
wacht
streng
über
sein
Amt
. Durch viele
Jahre
verläßt
er seinen
Posten
nicht und
schließt
das
Tor
erst
ganz
zuletzt
, er ist sich der
Wichtigkeit
seines
Dienstes
sehr
bewußt
,
denn
er
sagt
: "Ich bin
mächtig
", er hat
Ehrfurcht
vor
den
Vorgesetzten
,
denn
er
sagt
: "Ich bin nur der
unterste
Türhüter
", er ist nicht
geschwätzig
,
denn
während
der
vielen
Jahre
stellt
er nur, wie es
heißt
, "
teilnahmslose
Fragen
", er ist nicht
bestechlich
,
denn
er
sagt
über ein
Geschenk
: "Ich
nehme
es nur an, damit du nicht
glaubst
, etwas
versäumt
zu haben", er ist, wo es um
Pflichterfüllung
geht
, weder zu
rühren
noch zu
erbittern
,
denn
es
heißt
von dem Mann, "er
ermüdet
den
Türhüter
durch
sein
Bitten
",
schließlich
deutet
auch
sein
Äußeres
auf einen
pedantischen
Charakter
hin, die
große
Spitznase
und der
lange
,
dünne
,
schwarze
,
tartarische
Bart
. Kann es einen
pflichttreueren
Türhüter
geben
? Nun
mischen
sich aber in den
Türhüter
noch
andere
Wesenszüge
ein, die
für
den, der
Einlaß
verlangt
, sehr
günstig
sind und
welche
es
immerhin
begreiflich
machen
, daß er in
jener
Andeutung
einer
zukünftigen
Möglichkeit
über seine
Pflicht
etwas
hinausgehen
konnte. Es ist
nämlich
nicht zu
leugnen
, daß er ein wenig
einfältig
und im
Zusammenhang
damit ein wenig
eingebildet
ist. Wenn auch seine
Äußerungen
über seine
Macht
und über die
Macht
der
anderen
Türhüter
und über deren sogar
für
ihn
unerträglichen
Anblick
- ich
sage
, wenn auch alle diese
Äußerungen
an sich richtig
sein
mögen
, so
zeigt
doch die
Art
, wie er diese
Äußerungen
vorbringt
, daß seine
Auffassung
durch
Einfalt
und
Überhebung
getrübt
ist. Die
Erklärer
sagen
hiezu
: "
Richtiges
Auffassen
einer
Sache
und
Mißverstehen
der
gleichen
Sache
schließen
einander
nicht
vollständig
aus."
Jedenfalls
aber
muß
man
annehmen
, daß
jene
Einfalt
und
Überhebung
, so
geringfügig
sie sich vielleicht auch
äußern
, doch die
Bewachung
des
Eingangs
schwächen
, es sind
Lücken
im
Charakter
des
Türhüters
.
Hiezu
kommt
noch, daß der
Türhüter
seiner
Naturanlage
nach
freundlich
zu
sein
scheint
, er ist
durchaus
nicht immer
Amtsperson
.
Gleich
in den
ersten
Augenblicken
macht
er den
Spaß
, daß er den Mann
trotz
dem
ausdrücklich
aufrechterhaltenen
Verbot
zum
Eintritt
einlädt
, dann
schickt
er
ihn
nicht etwa
fort
,
sondern
gibt
ihm
, wie es
heißt
, einen
Schemel
und
läßt
ihn
seitwärts
von der
Tür
sich
niedersetzen
. Die
Geduld
, mit der er durch alle die
Jahre
die
Bitten
des
Mannes
erträgt
, die
kleinen
Verhöre
, die
Annahme
der
Geschenke
, die
Vornehmheit
, mit der er es
zuläßt
, daß der Mann neben
ihm
laut
den
unglücklichen
Zufall
verflucht
, der den
Türhüter
hier
aufgestellt
hat - alles dieses
läßt
auf
Regungen
des
Mitleids
schließen
. Nicht jeder
Türhüter
hätte so
gehandelt
. Und
schließlich
beugt
er sich noch auf einen
Wink
hin
tief
zu dem Mann hinab, um
ihm
Gelegenheit
zur
letzten
Frage
zu
geben
. Nur eine
schwache
Ungeduld
- der
Türhüter
weiß
ja, daß alles zu
Ende
ist -
spricht
sich in den
Worten
aus: "Du
bist
unersättlich
."
Manche
gehen
sogar in dieser
Art
der
Erklärung
noch weiter und meinen, die
Worte
"Du
bist
unersättlich
"
drücken
eine
Art
freundschaftlicher
Bewunderung
aus, die
allerdings
von
Herablassung
nicht
frei
ist.
Jedenfalls
schließt
sich so die
Gestalt
des
Türhüters
anders ab, als du es
glaubst
." "Du
kennst
die
Geschichte
genauer
als ich und
längere
Zeit
",
sagte
K
. Sie
schwiegen
ein
Weilchen
. Dann
sagte
K
.: "Du
glaubst
also, der Mann
wurde
nicht
getäuscht
?" "
Mißverstehe
mich nicht",
sagte
der
Geistliche
, "ich
zeige
dir nur die
Meinungen
, die
darüber
bestehen
. Du
mußt
nicht
zuviel
auf
Meinungen
achten
. Die
Schrift
ist
unveränderlich
und die
Meinungen
sind
oft
nur ein
Ausdruck
der
Verzweiflung
darüber
. In diesem
Falle
gibt
es sogar eine
Meinung
, nach
welcher
gerade
der
Türhüter
der
Getäuschte
ist." "Das ist eine
weitgehende
Meinung
",
sagte
K
. "Wie wird sie
begründet
?" "Die
Begründung
",
antwortete
der
Geistliche
, "
geht
von der
Einfalt
des
Türhüters
aus. Man
sagt
, daß er das
Innere
des
Gesetzes
nicht
kennt
,
sondern
nur den
Weg
, den er
vor
dem
Eingang
immer wieder
abgehen
muß
. Die
Vorstellungen
, die er von dem
Innern
hat, werden
für
kindlich
gehalten
, und man
nimmt
an, daß er das, wovor er dem
Manne
Furcht
machen
will, selbst
fürchtet
. Ja, er
fürchtet
es mehr als der Mann,
denn
dieser will ja nichts
anderes
als
eintreten
, selbst als er von den
schrecklichen
Türhütern
des
Innern
gehört
hat, der
Türhüter
dagegen
will nicht
eintreten
,
wenigstens
erfährt
man nichts
darüber
.
Andere
sagen
zwar, daß er
bereits
im
Innern
gewesen
sein
muß
,
denn
er ist doch
einmal
in den
Dienst
des
Gesetzes
aufgenommen
worden
, und das
könne
nur im
Innern
geschehen
sein
. Darauf ist zu
antworten
, daß er
wohl
auch durch einen
Ruf
aus dem
Innern
zum
Türhüter
bestellt
worden
sein
könnte
und daß er
zumindest
tief
im
Innern
nicht
gewesen
sein
dürfte
,
da
er doch schon den
Anblick
des
dritten
Türhüters
nicht mehr
ertragen
kann.
Außerdem
aber wird auch nicht
berichtet
daß er
während
der
vielen
Jahre
außer
der
Bemerkung
über die
Türhüter
irgend
etwas von dem
Innern
erzählt
hätte. Es
könnte
ihm
verboten
sein
, aber auch vom
Verbot
hat er nichts
erzählt
. Aus
alledem
schließt
man, daß er über das
Aussehen
und die
Bedeutung
des
Innern
nichts
weiß
und sich
darüber
in
Täuschung
befindet
. Aber auch über den Mann vom
Lande
soll
er sich in
Täuschung
befinden
,
denn
er ist diesem Mann
untergeordnet
und
weiß
es nicht. Daß er den Mann als einen
Untergeordneten
behandelt
,
erkennt
man aus
vielem
, das dir noch
erinnerlich
sein
dürfte
. Daß er
ihm
aber
tatsächlich
untergeordnet
ist,
soll
nach dieser
Meinung
ebenso
deutlich
hervorgehen
.
Vor
allem ist der
Freie
dem
Gebundenen
übergeordnet
. Nun ist der Mann
tatsächlich
frei
, er kann
hingehen
,
wohin
er will, nur der
Eingang
in das
Gesetz
ist
ihm
verboten
, und
überdies
nur von einem
einzelnen
, vom
Türhüter
. Wenn er sich auf den
Schemel
seitwärts
vom
Tor
niedersetzt
und dort
sein
Leben
lang
bleibt
, so
geschieht
dies
freiwillig
, die
Geschichte
erzählt
von
keinem
Zwang
. Der
Türhüter
dagegen
ist durch
sein
Amt
an seinen
Posten
gebunden
, er
darf
sich nicht
auswärts
entfernen
, allem
Anschein
nach aber auch nicht in das
Innere
gehen
, selbst wenn er es
wollte
.
Außerdem
ist er zwar im
Dienst
des
Gesetzes
,
dient
aber nur
für
diesen
Eingang
, also auch nur
für
diesen Mann,
für
den dieser
Eingang
allein
bestimmt
ist. Auch aus diesem
Grunde
ist er
ihm
untergeordnet
. Es ist
anzunehmen
, daß er durch viele
Jahre
, durch ein
ganzes
Mannesalter
gewissermaßen
nur
leeren
Dienst
geleistet
hat,
denn
es wird
gesagt
, daß ein Mann
kommt
, also
jemand
im
Mannesalter
, daß also der
Türhüter
lange
warten
mußte
,
ehe
sich
sein
Zweck
erfüllte
, und zwar so
lange
warten
mußte
, als es dem Mann
beliebte
, der doch
freiwillig
kam
. Aber auch das
Ende
des
Dienstes
wird durch das
Lebensende
des
Mannes
bestimmt
, bis zum
Ende
also
bleibt
er
ihm
untergeordnet
. Und immer wieder wird
betont
, daß von
alledem
der
Türhüter
nichts zu
wissen
scheint
. Daran wird aber nichts
Auffälliges
gesehen
,
denn
nach dieser
Meinung
befindet
sich der
Türhüter
noch in einer viel
schwereren
Täuschung
, sie
betrifft
seinen
Dienst
.
Zuletzt
spricht
er
nämlich
vom
Eingang
und
sagt
: "Ich
gehe
jetzt und
schließe
ihn
", aber am
Anfang
heißt
es, daß das
Tor
zum
Gesetz
offensteht
wie immer,
steht
es aber immer
offen
, immer, das
heißt
unabhängig
von der
Lebensdauer
des
Mannes
,
für
den es
bestimmt
ist, dann wird es auch der
Türhüter
nicht
schließen
können
.
Darüber
gehen
die
Meinungen
auseinander
, ob der
Türhüter
mit der
Ankündigung
, daß er das
Tor
schließen
wird, nur eine
Antwort
geben
oder seine
Dienstpflicht
betonen
oder den Mann noch im
letzten
Augenblick
in
Reue
und
Trauer
setzen
will. Darin aber sind viele
einig
, daß er das
Tor
nicht wird
schließen
können
. Sie
glauben
sogar, daß er,
wenigstens
am
Ende
, auch in seinem
Wissen
dem
Manne
untergeordnet
ist,
denn
dieser
sieht
den
Glanz
, der aus dem
Eingang
des
Gesetzes
bricht
,
während
der
Türhüter
als
solcher
wohl
mit dem
Rücken
zum
Eingang
steht
und auch durch keine
Äußerung
zeigt
, daß er eine
Veränderung
bemerkt
hätte." "Das ist
gut
begründet
",
sagte
K
., der
einzelne
Stellen
aus der
Erklärung
des
Geistlichen
halblaut
für
sich
wiederholt
hatte. "Es ist
gut
begründet
, und ich
glaube
nun auch, daß der
Türhüter
getäuscht
ist.
Dadurch
bin ich aber von meiner
früheren
Meinung
nicht
abgekommen
,
denn
beide
decken
sich
teilweise
. Es ist
unentscheidend
, ob der
Türhüter
klar
sieht
oder
getäuscht
wird. Ich
sagte
, der Mann wird
getäuscht
. Wenn der
Türhüter
klar
sieht
,
könnte
man daran
zweifeln
, wenn der
Türhüter
aber
getäuscht
ist, dann
muß
sich seine
Täuschung
notwendig
auf den Mann
übertragen
. Der
Türhüter
ist dann zwar kein
Betrüger
, aber so
einfältig
, daß er
sofort
aus dem
Dienst
gejagt
werden
müßte
. Du
mußt
doch
bedenken
, daß die
Täuschung
, in der sich der
Türhüter
befindet
,
ihm
nichts
schadet
, dem Mann aber
tausendfach
." "Hier
stößt
du auf eine
Gegenmeinung
",
sagte
der
Geistliche
. "
Manche
sagen
nämlich
, daß die
Geschichte
niemandem
ein
Recht
gibt
, über den
Türhüter
zu
urteilen
. Wie er uns auch
erscheinen
mag
, ist er doch ein
Diener
des
Gesetzes
, also zum
Gesetz
gehörig
, also dem
menschlichen
Urteil
entrückt
. Man
darf
dann auch nicht
glauben
, daß der
Türhüter
dem
Manne
untergeordnet
ist. Durch seinen
Dienst
auch nur an den
Eingang
des
Gesetzes
gebunden
zu
sein
, ist
unvergleichlich
mehr, als
frei
in der
Welt
zu
leben
. Der Mann
kommt
erst
zum
Gesetz
, der
Türhüter
ist schon dort. Er ist vom
Gesetz
zum
Dienst
bestellt
, an seiner
Würdigkeit
zu
zweifeln
,
hieße
am
Gesetz
zweifeln
." "Mit dieser
Meinung
stimme
ich nicht
überein
",
sagte
K
.
kopfschüttelnd
, "
denn
wenn man sich ihr
anschließt
,
muß
man alles, was der
Türhüter
sagt
,
für
wahr
halten
. Daß das aber nicht
möglich
ist, hast du ja selbst
ausführlich
begründet
." "Nein",
sagte
der
Geistliche
, "man
muß
nicht alles
für
wahr
halten
, man
muß
es nur
für
notwendig
halten
." "
Trübselige
Meinung
",
sagte
K
. "Die
Lüge
wird zur
Weltordnung
gemacht
."
K
.
sagte
das
abschließend
, aber
sein
Endurteil
war es nicht. Er war zu
müde
, um alle
Folgerungen
der
Geschichte
übersehen
zu
können
, es
waren
auch
ungewohnte
Gedankengänge
, in die sie
ihn
führte
,
unwirkliche
Dinge
,
besser
geeignet
zur
Besprechung
für
die
Gesellschaft
der
Gerichtsbeamten
als
für
ihn
. Die
einfache
Geschichte
war
unförmlich
geworden
, er
wollte
sie von sich
abschütteln
, und der
Geistliche
, der jetzt ein
großes
Zartgefühl
bewies
,
duldete
es und
nahm
K
.
s
Bemerkung
schweigend
auf, obwohl sie mit seiner
eigenen
Meinung
gewiß
nicht
übereinstimmte
.
Sie
gingen
eine
Zeitlang
schweigend
weiter,
K
.
hielt
sich
eng
neben dem
Geistlichen
, ohne zu
wissen
, wo er sich
befand
. Die
Lampe
in seiner
Hand
war
längst
erloschen
.
Einmal
blinkte
gerade
vor
ihm
das
silberne
Standbild
eines
Heiligen
nur mit dem
Schein
des
Silbers
und
spielte
gleich
wieder
ins
Dunkel
über. Um nicht
vollständig
auf den
Geistlichen
angewiesen
zu
bleiben
,
fragte
ihn
K
.: "Sind wir jetzt nicht in der
Nähe
des
Haupteinganges
?" "Nein",
sagte
der
Geistliche
, "wir sind
weit
von
ihm
entfernt
.
Willst
du schon
fortgehen
?" Obwohl
K
.
gerade
jetzt nicht daran
gedacht
hatte,
sagte
er
sofort
. "
Gewiß
, ich
muß
fortgehen
. Ich bin
Prokurist
einer
Bank
, man
wartet
auf mich, ich bin nur
hergekommen
, um einem
ausländischen
Geschäftsfreund
den
Dom
zu
zeigen
." "Nun",
sagte
der
Geistliche
, und
reichte
K
. die
Hand
, "dann geh." "Ich kann mich aber im
Dunkel
allein nicht
zurechtfinden
",
sagte
K
. "Geh
links
zur
Wand
",
sagte
der
Geistliche
, "dann weiter die
Wand
entlang
, ohne sie zu
verlassen
, und du
wirst
einen
Ausgang
finden
." Der
Geistliche
hatte sich
erst
ein
paar
Schritte
entfernt
, aber
K
.
rief
schon sehr
laut
: "
Bitte
,
warte
noch!" "Ich
warte
",
sagte
der
Geistliche
. "
Willst
du nicht noch etwas von mir?"
fragte
K
. "Nein",
sagte
der
Geistliche
. "Du
warst
früher
so
freundlich
zu mir",
sagte
K
., "und hast mir alles
erklärt
, jetzt aber
entläßt
du mich, als
läge
dir nichts an mir." "Du
mußt
doch
fortgehen
",
sagte
der
Geistliche
. "Nun ja",
sagte
K
., "
sieh
das doch ein." "
Sieh
du
zuerst
ein, wer ich bin",
sagte
der
Geistliche
. "Du
bist
der
Gefängniskaplan
",
sagte
K
. und
ging
näher
zum
Geistlichen
hin, seine
sofortige
Rückkehr
in die
Bank
war nicht so
notwendig
, wie er sie
dargestellt
hatte, er konnte
recht
gut
noch
hierbleiben
. "Ich
gehöre
also zum
Gericht
",
sagte
der
Geistliche
. "Warum
sollte
ich also etwas von dir
wollen
. Das
Gericht
will nichts von dir. Es
nimmt
dich auf, wenn du
kommst
, und es
entläßt
dich, wenn du
gehst
."
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