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S.6.1.
Die Bitte
1.
Also habe ich vernommen.
Einstmals
weilte der Erhabene in Uruvela, am Ufer des Flusses Nerañjará, am Fuße des
Feigenbaumes des Ziegenhirten, eben erst zur vollkommenen Erleuchtung gelangts
(*1).
2.
Da nun entstand dem Erhabenen, der ganz in der Stille einsamer Meditation sich
hingab, der folgende erwägende Gedanke:
3.
"Eingedrungen bin ich in diese Wahrheit (*2), die tief ist, schwer
zu schauen, schwer auszudenken, friedlich, erhaben (*3), durch Grübelei
nicht zu erfassen, fein, nur von Weisen zu begreifen. Aber dieses Volk verharrt
bei seinen Neigungen, ergötzt sich an seinen Neigungen, findet seine Freude in
seinen Neigungen. Für ein Volk aber, das bei seinen Neigungen beharrt, an
seinen Neigungen sich ergötzt, in seinen Neigungen seine Freude findet, ist
dieser Gegenstand schwer zu schauen, nämlich diese ursächliche
Aufeinanderfolge, das Gesetz der Ursächlichen Entstehung (*4). Es ist
ja auch dieser Gegenstand schwer zu schauen: die Stillegung aller Gestaltungen,
die Aufgabe aller Daseinssubstrate, die Vernichtung des Durstes, die
Gleichgültigkeit, die Aufhebung, das Nirvana (*5). Und wenn ich selbst
die Wahrheit predigte und die anderen verstünden mich nicht, so wäre mir das
eine Pein, wäre das für mich verletzend (*6).
4.
Und da leuchteten auch dem Erhabenen die folgenden wunderbaren, früher nicht
vernommenen Strophen auf:
"Mit
Mühe bin ich eingedrungen. Genug! nun (mag ich's) nicht verkünden.
Von
solchen, die umstrickt sind, von Begierde und Sünde,
wird
diese Wahrheit nicht richtig verstanden.
Sie,
die gegen den Strom geht, die tief, schwer zu schauen, fein ist,
Sehen
solche nicht, die von den Begierden umstrickt sind
und
verhüllt in der Masse der Finsternis."
5.
Während der Erhabene also erwog, neigte sein Geist zur Zurückhaltung, nicht zur
Predigt der wahren Lehre.
6.
Da nun kam dem Brahman Sahampati, der in seinem Herzen die Herzensbedenken des
Erhabenen erkannte, dieser Gedanke: "Unter geht fürwahr die Welt, zugrunde
geht fürwahr die Welt, wenn da der Geist des Tathagata (*7), des
Vollendeten, des Vollkommen Erleuchteten zur Zurückhaltung neigte, nicht zur
Predigt der wahren Lehre (*8)."
7.
Da verschwand der Brahman Sahampati, so schnell wie ein starker Mann den
eingebogenen Arm ausstreckt oder den ausgestreckten Arm einbiegt, in der
Brahmawelt und erschien vor dem Erhabenen.
8.
Da nun schlug der Brahman Sahampati seinen Mantel über die eine Schulter, ließ
sich mit dem rechten Knie auf den Boden nieder, und indem er in der Richtung,
wo der Erhabene war, die zusammengelegten Hände vorstreckte, sprach er zu dem
Erhabenen also: "Es möge der Erhabene die wahre Lehre predigen; es möge
der Pfadführer die wahre Lehre predigen! Es gibt Wesen, die von Natur nur wenig
von Verunreinigung befleckt sind (*9). Sie werden weniger, wenn sie die
wahre Lehre nicht hören. Es wird aber solche geben, die die wahre Lehre
verstehen."
9.
Also sprach der Brahman Sahampati, und nachdem er das gesprochen, sprach er
noch weiter das folgende:
"Es
erschien früher im Magadhalande
Eine
unreine Lehre, von (mit Mängeln) befleckten Leuten ersonnen.
Schließe
auf dieses Tor der Unsterblichkeit (*10)!
Hören
sollen sie die Wahrheit, erdacht von dem Fleckenlosen.
Wie
einer, der auf einem Felsen auf eines Bergs Gipfel steht,
Die
Welt der Wegen ringsum überschaut:
Ebenso
besteige du Weiser mit dem allumfassenden Auge
Den
Palast, der aus der Wahrheit besteht,
Und
überschaue, selber frei von Kummer,
Die
in Kummer verstrickte, von Geburt und Alter beherrschte Welt der Wesen!
Erhebe
dich, du Held, du Sieger im Kampf,
Du
Führer der Karawane, du schuldloser, wandere über die Welt!
Es
möge der Herr die wahre Lehre predigen;
es
wird solche geben, die die wahre Lehre verstehen."
10.
Da nun erkannte der Erhabene die Aufforderung des Brahman und in seiner
Barmherzigkeit gegenüber den Wesen überschaute er die Welt.
11.
Und es sah der Erhabene, mit seinem Buddhaauge die Welt überschauend, Wesen,
die wenig von Verunreinigung befleckt waren und die viel von Verunreinigung
befleckt waren, solche mit scharfen Sinnen und solche mit stumpfen Sinnen,
solche von guter Art und solche von übler Art, leicht zu belehrende und schwer
zu belehrende, und solche, die da lebten, die Furcht vor der Sünde und vor der
jenseitigen Welt vor Augen.
12.
Denn wie in einem Teich mit blauen, roten und weißen Lotosblumen etliche blaue,
rote und weiße Lotosblumen, die im Wasser entstanden, im Wasser gewachsen sind,
über das Wasser nicht herausgekommen sind, sondern unter dieWasseroberfläche
gesunken fortwachsen; etliche rote, blaue und weiße Lotosblumen aber, die im
Wasser entstanden, im Wasser gewachsen sind, auf gleicher Höhe mit dem Wasser
stehen; etliche rote, blaue und weiße Lotosblumen endlich, die im Wasser
entstanden, im Wasser gewachsen sind, über das Wasser herausragend dastehen,
unbenetzt vom Wasser: ganz ebenso sah der Erhabene, mit seinem Buddha-Auge die
Welt überschauend, Wesen, die wenig von Verunreinigung befleckt waren und die
viel von Verunreinigung befleckt waren, solche mit scharfen Sinnen und solche
mit stumpfen Sinnen, solche von guter Art und solche von übler Art, leicht zu
belehrende und schwer zu belehrende, und solche die da lebten, die Furcht vor
der Sünde und vor der jenseitigen Welt vor Augen.
13.
Wie er das gesehen, erwiderte er dem Brahman Sahampati mit der Strophe:
"Aufgeschlossen
sind die Tore der Unsterblichkeit für die,
Die
da hören. Aufgeben sollen sie ihren Glauben (*11).
Verletzung
vermutend habe ich nicht ausgesprochen die mir vertraute
Erhabene
Wahrheit unter den Menschen, o Brahman (*12)."
14.
Da nun dachte der Brahman Sahampati: es ist durch mich die Möglichkeit
geschaffen für die Predigt der wahren Lehre des Erhabenen, und nachdem er den
Erhabenen ehrfurchtsvoll begrüßt und unter Zukehrung der rechten Seite
umwandelt hatte, verschwand er auf der Stelle.
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