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Vorbemerkung
Der
Kern der Lehre des Erwachten ist in vier Hauptsammlungen der Lehrreden
überliefert, die nach der Anordnung bezeichnet werden als Längere, Mittlere,
Gruppierte und Angereihte Sammlung. Nach der Überlieferung wurden sie auf dem
Ersten Konzil nach dem Tode des Buddha in dieser Reihenfolge von Anando
vorgetragen. Die dritte Sammlung wurde, wie es in der Tradition heißt, dann im
Jüngerkreise von Mahákassapo besonders bewahrt und auswendig gelernt.
Vor
etwa hundert Jahren begann eine zügige Übersetzung dieser Sammlungen ins
Deutsche. Zuerst übersetzten zwei Buddhisten, nämlich der Indologe Karl Eugen
Neumann die Mittlere und Längere Sammlung, und dann der deutsche Buddhamönch
Nyánatiloka die Angereihte Sammlung. Nachdem aber Neumann 1915 nur
fünfzigjährig gestorben war und Nyánatiloka durch die Nachkriegsumstände
behindert war, brach diese Übersetzungstätigkeit zunächst ab.
Die Geschichte der Edition der noch ausstehenden dritten Sammlung besteht nun
aus einer Kette von widrigen Umständen. Die Schwierigkeiten beginnen schon beim
Titel. Während sich für die übrigen drei Sammlungen sofort Titel einbürgerten,
hat bis heute keine Übersetzung des Titels der dritten Sammlung allgemeine
Anerkennung gefunden: Zusammengesetzte, Systematische, Gruppierte Sammlung,
oder "In Gruppen geordnete Sammlung" oder "Themensammlung".
Der Páli-Titel Samyutta-Nikáya läßt alle diese Übersetzungen zu.
Die
führenden deutschen Buddhisten der Zwischenkriegszeit übersetzten wohl einige
Reden dieser Sammlung, aber erst ein Nicht-Buddhist, der Indologe Prof. Wilhelm
Geiger, übernahm es, sie ganz zu übersetzen. Ihm verdanken wir die Übersetzung
der ersten beiden der fünf Bände des Samyutta-Nikáya, die 1925 und 1930 bei dem
rührigen Oskar Schloß Verlag in Neubiberg bei München erscheinen konnten. Dann
aber brach Geiger mitten im 2. Band, der also unvollendet blieb, die Übersetzung
ab: von den 56 Samyuttas wurden von ihm nur 16 übersetzt.
Im
Frühjahr 1941 übertrug im Internierungslager Diyatalawa auf Ceylon der deutsche
Mönch Nyánaponika, ein Schüler Nyánatilokas, den Rest des 2. Bandes und den
ganzen 3. Band - als Einübung ins Páli, wie er selber sagte. Diese überaus
nützliche und gut lesbare Übersetzung blieb aber bescheiden über ein
Vierteljahrhundert verborgen. Erst als ein junger deutscher Mönch das
Manuskript in der Forest Hermitage von Kandy zu Gesicht bekam, konnte dieser
Teil 1967 in kleiner Auflage gedruckt werden. Auf meine Frage an Nyánaponika,
ob er nicht auch die restlichen beiden Bände übersetzen könne, erwiderte er,
daß die Arbeiten an der Buddhist Publication Society in Kandy das wohl nicht
erlaubten. Er fügte hinzu, die Texte seien aber nicht schwer: Wie wäre es, wenn
ich mich selber an die Übersetzung machen würde? Dazu kam ich dann erst nach
meiner Emeritierung und das Ergebnis ist die vorliegende Ausgabe. Inzwischen
war 1990 vom Antiquariat Kretschmer in Wolfenbüttel ein Nachdruck der
bisherigen und lange vergriffenen Teile erschienen, dabei Bd. II und III in
einem Band. Diese Luxusausgabe in Leder und mit Goldschnitt kostete aber DM
360,-. Der Plan, daran anschließend dort auch Bd. IV und V herauszubringen, ließ
sich aber leider nicht verwirklichen. Auch andere Verlagsmöglichkeiten erwiesen
sich als undurchführbar.
In
den Zwanziger Jahren bestand ein waches Interesse, aber das Problem war: Wo ist
der Text? Heute ist der Text vorhanden, aber das Problem ist Wo ist das
Interesse? Um überhaupt die Übersetzung herauszubringen, wurde der Weg gewählt,
der sich schon 1967 beim Bd. III als einzig möglich erwiesen hatte, nämlich
eine 'handgemachte' Notausgabe. zur Kostendämpfung erscheint sie in einem
einzigen Band und ohne teuren Einband. Dafür mußten die Erläuterungen zu den
Texten und die Einführungen in die besondere Problematik der sechs
Sinnesgebiete (das ist der Hauptteil von Bd. IV) oder des Heilsweges insgesamt
(das ist das Thema von Bd. V) weggelassen werden. Auch auf alle textkritischen
Anmerkungen und Begriffsklärungen mußte verzichtet werden. Die Lektüre setzt
eine gründliche Einführung in den Gesamtzusammenhang der Lehre des Erwachten
voraus. Besonders das 35. Samyutta mit den monotonen Wiederholungen der 6 Sinne
muß ermüdend wirken. Wer aber die Geduld aufbringt, weiterzulesen, der wird am
Ende dieses Samyuttas reich entschädigt durch einige der tiefsten Gleichnisse
des Buddha. Erst recht bietet der fünfte Band eine Fundgrube unentbehrlicher
Weisheiten und wichtiger praktischer Hinweise.
So mag denn diese Ausgabe mit dem letzten der 16 Bände der vier Kern-Sammlungen
(je drei der Längeren und Mittleren, je fünf der Gruppierten und Angereihten
Sammlung) ohne Beiwerk für diejenigen erscheinen, denen das reine Buddhawort
die beste Nahrung für Herz und Gemüt ist.
Hamburg,
12. Oktober 1992
Hellmuth Hecker
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