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12. Nidána-Samyutta - Von den Ursachen
1-10 Buddhavagga - Der Abschnitt vom Buddha
S.12.1.
Die Verkündigung
Gemeint ist mit dem
Titel des Sutta die Verkündigung des "Gesetzes von der ursächlichen
Entstehung", des paticcasamuppáda (= skr. pratítyasamutpáda) oder
der Nidánakette. Das Wort nidána bedeutet Ursache. Das 1. Sutta bildet
die Grundlage für die weiteren Erörterungen des Nidána Samyutta. Über die
Nidánakette liegt eine reiche Literatur vor. Ich verweise auf Spence Hardy,
Manual of Buddhism, S. 391 (1860). E. Hardy, Der Buddhismus nach älteren
Páli-Werken dargestellt, S. 50 ff. (1890). - Jacobi, Der Ursprung des
Buddhismus aus dem Sankhya-Yoga, Nachr. der Göttinger Gesellsch. d. W. 1896,
S.43ff. - Warren, Buddhism in Translations, S. 115 (1896).- H. Kern, Manual of
Indian Buddhism, S. 47 ff. (1896). - T. W. Rhys Davids, Buddhism, American
Lectures on the History of Religions, S. 155ff. (1896). - Oldenberg, Buddha, 5.
Aufl., S. 259 ff. (1906). - Oltramare, La formule bouddhique des Douze Causes,
son sens original et son interpretation theologique (1909).- Shwe Zan Aung,
Compendium of Philosophy, being a translation . . of the Abhidhammattha-Sangaha,
rev. and ed. by Mrs Rhys Davids, S. 219 ff. (1910). - De la Vallee Poussin,
Theorie des Douze Causes (1913). - R. O. Franke, Die Buddhalehre in ihrer
erreichbaren ältesten Form. Kap. V: Die Kausalitätsreihe oder Nidánakette,
Zeitschr. d. D. Morgenl. Gesellsch. 69, S. 470 ff. (1915). - H. Beckh,
Buddhismus II, S. 103ff. (1916). - G. Grimm: Die Lehre des Buddha, 6. bis 8.
Aufl., S. 308 ff., 341 ff. (1920). - St. Schayer, Maháyánistische
Erlösungslehre. Zeitschrift für Buddhismus III, S. 242 ff. (1921). -
Stcherbatsky, The Central Conception of the Buddhism and the Meaning of the
Word "Dharma" (1923) S. 106f.
Die einzelnen Glieder
der Kausalitätsreihe sind in Páli 1. avijjá "Nichtwissen", 2. samkhárá
"Gestaltungen", 3. viññánam "Bewußtsein", 4. ná
marúpam "Name und Form", 5. saláyatanam "die sechs
Sinnesbereiche", 6. phasso "Berührung", 7. vedaná "Empfindung",
8. tanhá "Durst", upádánam "Erfassen", 10. bhavo
"Werden", 11. játi "Geburt", 12. jarámaranam "Alter
und Tod".
Von diesen ist 1 ganz
konkret das Nichtwissen der buddhistischen Wahrheit. Das Wort samkhára ist
aus dem Sámkhya-Yoga (skr. samskára) entnommen. Man vergleiche dazu R.
Garbe, Die Sámkhya-Philosophie, S. 296 ff. 2. Aufl. S. 331 ff. In der
Nidánareihe ist es annähernd dasselbe wie kamma. Das kamma verdichtet
sich nach dem Tod zum viññána. Daß hierunter in der Tat das mentale
Gebilde verstanden wird, das zwischen zwei aufeinander folgenden Existenzen die
Verbindung herstellt, geht aus Samy. 4.23.19 (= 1.122) und 22.87.10 (= 111.124)
hervor. Hier wird erzählt, wie Godhika (bezw. Vakkali) sich das Leben nehmen.
Mára, der Teufel, sucht nach dem viññána: "Wo befindet sich das v.
des Godhika (Vakkali)?" Aber der Buddha belehrt die Bhikkhus, daß von den
beiden, da sie Erlöste, Vollendete, Arahants waren, kein v. übrig
geblieben sei. Ihr kamma war aufgehoben. Mit námarúpa ist das
Geistige und Materielle gemeint, was die Individualität ausmacht; saláyatana
sind die fünf Sinne, die wir annehmen, und dazu als sechster manas,
"der innere Sinn, der Geist", sowie die ihnen entsprechenden äußeren
"Bereiche", Licht, Schall usw. bis dhammá "die
Dinge", phassa die "Berührung" der Sinne mit ihren
Objekten. Mit upádána ist das "Erfassen" des materiellen
Substrates gemeint, wie die Flamme, die an sich etwas Körperloses ist, des
Brennstoffes bedarf, den sie erfaßt, an dem sie haftet.
Was die Erklärung der
Nidánakette betrifft, so glaube ich nicht, daß ihr irgendeine kosmische
Bedeutung zukommt. Sie will nur besagen, wie der samsára, der Kreislauf
der Wiedergeburt und damit alles Leiden zustande kommt. Sie erklärt den
Übergang von einer Existenz in eine neue. Die Glieder 1 und 2 beziehen sich auf
die frühere Existenz; die Glieder 3 bis 8, wenigstens nach der ursprünglichen
Auffassung, wie ich glaube, auf den Zwischenzustand zwischen zwei Existenzen.
Sie schildern, wie sich die khandhá, d. h. die
"Wesensbestandteile", die den Menschen ausmachen, zusammenfinden und
damit die Grundlage zum neuen Dasein sich bildet. Über die khandhá vergleiche
man die Note unten zu 2,4. In populärer Weise wird das geistige Wesen, das auf
diese Weise entsteht, und das im Augenblick der Empfängnis in den Mutterleib
eingeht, als gandhabba (skr. gandharva) bezeichnet. Die
Empfängnis selbst ist unter upádána verstanden. Glied 10 (bhava)
bezieht sich also offenbar auf den embryonalen Zustand, und mit 11 (játi)
beginnt die neue Existenz.
Die gegenwärtige
Auffassung der buddhistischen Gelehrten Birmas, die auch Stcherbatsky teilt,
geht dahin, daß sich die Nidánakette über drei Existenzen erstrecke. Die
Glieder 1 und 2 beziehen sich auf die erste, 3 bis 10 auf die zweite, 11 und 12
auf die dritte Existenz. Es müßte dann Glied 3 (viññána) auf den
Augenblick der Empfängnis zur zweiten Existenz hinweisen, und bhava als
Abschluß derselben synonym zu samkhárá sein. Für diese Auffassung könnte
man sich auf die bekannte Stelle im Dígha 15. 22 (= II. 632) berufen, die bei
Oldenberg, S. 262-3 übersetzt ist. Ich nehme indessen an ihr Anstoß, weil es
unverständlich wäre, warum für die einzelnen Stadien der verschiedenen
Existenzen verschiedene Termini gebraucht wurden. Warum heißt es statt upádánam,
bhavo (9, 10) nicht einfach wieder avijjá, samkhárá? Ich glaube
auch, daß sich die oben erwähnte Díghastelle mit meiner Deutung der Nidánakette
vereinigen läßt.
1.
Also habe ich vernommen.
Einstmals
weilte der Erhabene in Sávatthí, im Jetahaine, im Parke des Anáthapindika.
2.
Da nun redete der Erhabene die Bhikkhus an: "Ihr Bhikkhus!" "Ja,
Herr!", erwiderten die Bhikkhus aufhorchend dem Erhabenen. Der Erhabene
sprach also: "Ich will euch, ihr Bhikkhus, das Gesetz von der ursächlichen
Entstehung lehren; höret zu, merket wohl auf; ich will es euch verkünden."
"Wohl, Herr!" erwiderten die Bhikkhus aufhorchend dem Erhabenen.
3.
Der Erhabene sprach also: "Welches ist aber, ihr Bhikkhus, das Gesetz von
der ursächlichen Entstehung? Aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die
Gestaltungen; aus den Gestaltungen als Ursache entsteht das Bewußtsein; aus dem
Bewußtsein als Ursache entsteht Name und Form; aus Name und Form als Ursache
entstehen die sechs Sinnesbereiche; aus den sechs Sinnesbereichen als Ursache
entsteht die Berührung; aus der Berührung als Ursache entsteht die Empfindung;
aus der Empfindung als Ursache entsteht der Durst; aus dem Durst als Ursache
entsteht das Erfassen; aus dem Erfassen als Ursache entsteht das Werden; aus
dem Werden als Ursache entsteht die Geburt; aus der Geburt als Ursache
entstehen Alter und Tod, Schmerz, Kummer, Leid, Betrübnis und Verzweiflung. Auf
solche Art kommt der Ursprung der ganzen Masse des Leidens zustande. Dies, ihr
Bhikkhus, heißt ihre Entstehung.
4.
Aus dem restlosen Verschwinden aber und der Aufhebung (asesaviráganirodhá,
vergl. unten Einl. zu Sutta 16s12_16) des Nichtwissens folgt Aufhebung der Gestaltungen;
aus der Aufhebung der Gestaltungen folgt Aufhebung des Bewußtseins; aus der
Aufhebung des Bewußtseins folgt Aufhebung von Name und Form; aus der Aufhebung
von Name und Form folgt Aufhebung der sechs Sinnesbereiche; aus der Aufhebung
der sechs Sinnesbereiche folgt Aufhebung der Berührung; aus der Aufhebung der
Berührung folgt Aufhebung der Empfindung; aus der Aufhebung der Empfindung
folgt Aufhebung des Durstes; aus der Aufhebung des Durstes folgt Aufhebung des
Erfassens; aus der Aufhebung des Erfassens folgt Aufhebung des Werdens; aus der
Aufhebung des Werdens folgt Aufhebung der Geburt; durch Aufhebung der Geburt
werden Alter und Tod, Schmerz, Kummer, Leid, Betrübnis und Verzweiflung
aufgehoben. Auf solche Art kommt die Aufhebung der ganzen Masse des Leidens zu
stande."
5.
Also sprach der Erhabene. Im Herzen ergriffen freuten sich die Bhikkhus an des
Erhabenen Rede.
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