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S.12.4.
Vipassin
Vipassin ist der
neunzehnte unter den vierundzwanzig Buddhas, die nach der Tradition dem
geschichtlichen Gotama Buddha vorhergingen. Die Legende von der Entdeckung des paticcasamuppáda
durch Vipassin wird auch im Dígha 14.2.18 (= II.30ff.) erzählt, wozu die
Übersetzung von Rhys Davids, Buddhist Suttas II, S. 23 ff., zu vergleichen ist.
Der Text des Dígha stimmt bis 11 mit dem unsrigen wörtlich überein. Dann aber
läßt, abweichend von 12, der Dígha námarúpa aus viññána hervorgehen,
wie umgekehrt nach dem Vorhergehenden letzteres aus ersterem entstanden ist.
Die Begriffe "Gestaltungen" und "Nichtwissen" erwähnt der
Dígha überhaupt nicht. Mit Dígha 14.2.18 stimmt auch Dígha 15.21, 22. =
II.62ff. überein, im Gegensatz zum Samyutta. Es ist wohl klar, daß die Fassung,
die der Dígha der Nidánakette gibt, altertümlicher sein muß. Unser Kapitel im
Samyutta charakterisiert sich als eine Wiedergabe der älteren Version, wie sie
im Dígha 14 sich findet, unter Anpassung an die später herrschend gewordene
Scholastik.
1.
Ort der Begebenheit: Sávatthí.
2.
"Dem Vipassin, ihr Bhikkhus, dem erhabenen vollendeter Allbuddha kam noch
vor seiner Erleuchtung, da er noch nicht vollkommen erleuchtet, noch ein
Bodhisatta *f15) war, der Gedanke: In Mühsal wahrlich ist diese Welt
geraten. Man wird geboren und altert und stirbt und scheidet aus dem Dasein und
wird wiedergeboren. Aber man findet doch keinen Ausweg aus diesem Leiden. Wann
wird man denn doch einen Ausweg finden aus diesem Leiden, aus Alter und Tod?
3.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Alter und Tod entsteht; aus welchen Ursachen geht Alter und
Tod hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher
Erwägung die Erkenntnis zu teil *f16): Wenn Geburt vorhanden ist,
entsteht Alter und Tod; aus der Geburt als Ursache geht Alter und Tod hervor.
4.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Geburt entsteht; aus welcher Ursache geht Geburt hervor? Da
ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung die
Erkenntnis zu teil: Wenn Werden vorhanden ist, entsteht Geburt; aus dem Werden
als Ursache geht Geburt hervor.
5.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Werden entsteht; aus welcher Ursache geht Werden hervor? Da
war ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung die
Erkenntnis zu teil: Wenn Erfassen vorhanden ist, entsteht Werden; aus dem
Erfassen als Ursache geht Werden hervor.
6.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Erfassen entsteht; aus welcher Ursache geht Erfassen
hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung
die Erkenntnis zu teil: Wenn Durst vorhanden ist, entsteht Erfassen; aus dem
Durst als Ursache geht Erfassen hervor.
7.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Durst entsteht; aus welcher Ursache geht Durst hervor? Da
ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung die
Erkenntnis zu teil: Wenn Empfindung vorhanden ist entsteht Durst; aus der
Empfindung als Ursache geht Durst hervor.
8.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Empfindung entsteht; aus welcher Ursache geht Empfindung
hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung
die Erkenntnis zu teil: Wenn Berührung vorhanden ist, entsteht Empfindung; aus
der Berührung als Ursache geht Empfindung hervor.
9.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Berührung entsteht; aus welcher Ursache geht Berührung
hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung
die Erkenntnis zu teil: Wenn die sechs Sinnesbereiche vorhanden sind, entsteht
Berührung; aus den sechs Sinnesbereichen als Ursache geht Berührung hervor.
10.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß die sechs Sinnesbereiche entstehen; aus welcher Ursache
gehen die sechs Sinnesbereiche hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta
Vipassin nach reiflicher Erwägung die Erkenntnis zu teil: Wenn Name und Form
vorhanden ist, entstehen die sechs Sinnesbereiche; aus Name und Form als
Ursache gehen die sechs Sinnesbereiche hervor.
11.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Name und Form entsteht; aus welcher Ursache geht Name und
Form hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher
Erwägung die Erkenntnis zu teil: Wenn Bewußtsein vorhanden ist, entsteht Name
und Form; aus Bewußtsein als Ursache geht Name und Form hervor.
12.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Bewußtsein entsteht; aus welcher Ursache geht Bewußtsein
hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung
die Erkenntnis zu teil: Wenn Gestaltungen vorhanden sind, entsteht Bewußtsein;
aus den Gestaltungen als Ursache geht Bewußtsein hervor.
13.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin dieser Gedanke: Was muß denn
vorhanden sein, daß Gestaltungen entstehen; aus welcher Ursache gehen die
Gestaltungen hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach
reiflicher Erwägung die Erkenntnis zu teil: Wenn Nichtwissen vorhanden ist,
entstehen die Gestaltungen; aus dem Nichtwissen als Ursache gehen die
Gestaltungen hervor.
14.
So (ergibt sich) dieses: Aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die
Gestaltungen; aus den Gestaltungen als Ursache entsteht Bewußtsein usw. usw.
Auf solche Art kommt der Ursprung der ganzen Masse des Leidens zustande.
15.
Der Ursprung, der Ursprung *f17): damit erstand, ihr Bhikkhus, dem
Bodhisatta Vipassin in bezug auf früher nie gehörte Dinge Einsicht
*f18), erstand ihm Verständnis, erstand ihm Erkenntnis, erstand ihm
Wissen, erstand ihm Klarheit.
16.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin der Gedanke *f19): Was
muß denn nicht vorhanden sein, daß Alter und Tod nicht entsteht; aus wessen
Aufhebung geht Aufhebung von Alter und Tod hervor? Da ward, ihr Bhikkhus, dem
Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung die Erkenntnis zu teil: Wenn
Geburt nicht vorhanden ist, entsteht Alter und Tod nicht; aus der Aufhebung der
Geburt geht Aufhebung von Alter und Tod hervor.
17.....Wenn
Werden nicht vorhanden ist, entsteht Geburt nicht; aus der Aufhebung des Werdens
geht Aufhebung der Geburt hervor.
18.....Wenn
Erfassen nicht vorhanden ist, entsteht Werden nicht; aus der Aufhebung des
Erfassens geht Aufhebung des Werdens hervor.
19.....Wenn
Durst nicht vorhanden ist, entsteht Erfassen nicht; aus der Aufhebung des
Durstes geht Aufhebung des Erfassens hervor.
20.....Wenn
Empfindung nicht vorhanden ist, entsteht Durst nicht; aus der Aufhebung der
Empfindung geht Aufhebung des Durstes hervor.
21.....Wenn
Berührung nicht vorhanden ist, entsteht Empfindung nicht; aus der Aufhebung der
Berührung geht Aufhebung der Empfindung hervor.
22.....Wenn
die sechs Sinnesbereiche nicht vorhanden sind, entsteht Berührung nicht; aus
der Aufhebung der sechs Sinnesbereiche geht Aufhebung der Berührung hervor.
23.....Wenn
Name und Form nicht vorhanden ist, entstehen die sechs Sinnesbereiche nicht;
aus der Aufhebung von Name und Form geht Aufhebung der sechs Sinnesbereiche
hervor.
24.....Wenn
Bewußtsein nicht vorhanden ist, entsteht Name und Form nicht; aus der Aufhebung
des Bewußtseins geht Aufhebung von Name und Form hervor.
25......Wenn
die geistigen Gestaltungen nicht vorhanden sind, entsteht Bewußtsein nicht; aus
der Aufhebung der geistigen Gestaltungen geht Aufhebung des Bewußtseins hervor.
26.
Da kam, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin der Gedanke: Was muß denn nicht
vorhanden sein, daß geistigen Gestaltungen nicht entstehen; aus wessen
Aufhebung geht Aufhebung der geistigen Gestaltungen hervor? Da ward, ihr
Bhikkhus, dem Bodhisatta Vipassin nach reiflicher Erwägung die Erkenntnis zu
teil: Wenn Nichtwissen nicht vorhanden ist, entstehen die geistigen
Gestaltungen nicht; aus der Aufhebung des Nichtwissens geht Aufhebung der
Gestaltungen hervor.
27.
So (ergibt sich) dieses: Aus der Aufhebung des Nichtwissens entsteht Aufhebung
der geistigen Gestaltungen; aus der Aufhebung der geistigen Gestaltungen
entsteht Aufhebung des Bewußtseins usw. usw. Auf solche Art kommt die Aufhebung
der ganzen Masse des Leidens zustande.
28.
Die Aufhebung, die Aufhebung: damit erstand, ihr Bhikkhus, dem Bodhisatta
Vipassin, in bezug auf früher nie gehörte Dinge Einsicht, erstand ihm
Verständnis, erstand ihm Erkenntnis, erstand ihm Wissen, erstand ihm
Klarheit."
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