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S.12.17.
Der Nacktgänger
Die Bekehrung des
Nacktgängers Kassapa wird im Kanon mehrfach und in verschiedener Form
berichtet. Nach dem Dígha 8 (= I. 161 ff., übersetzt von Rhys Davids, Sacred
Books of the Buddhists II. 206ff. Franke, Dígha, S. 131 ff.) erfolgt sie im
Anschluß an eine Unterredung mit dem Buddha selber. Nach dem Majjhima 124 (= III.
124ff.) ist es das Vorbild des Bakkula, das ihn zum Eintritt in den Orden
bestimmt. Wieder anders endlich ist der Bericht im Samyutta 41. 9 (= IV.
300ff.).
Das Leiden, von dem in §
7 ff. unseres Sutta gesprochen wird, ist das Leiden der Wiedergeburten, des samsára
(Komm.: vattadukhham). Die Fragestellung ist also die, ob die
Wiedergeburt eine selbstverschuldete ist, oder die Folge der Taten, des kamma,
irgend eines anderen. Der Tathágata lehnt diese Alternative ab. Durch sie
würden nur zwei Extreme zum Ausdruck gebracht, die Wahrheit liegt in der Mitte.
Bei Annahme der ersteren Alternative - dies ist Sinn von § 14 - käme man zu dem
Schluß, daß ein bleibendes Ich von Existenz zu Existenz fortdauert; ein solches
Ich gibt es aber nicht. Bei Annahme der zweiten Möglichkeit würde jeder
Zusammenhang zwischen den einzelnen Existenzen aufgehoben. Ein solcher
Zusammenhang besteht aber immerhin. Er wird hergestellt nicht durch ein
dauerndes Ich, sondern nur durch die Bindeglieder, die in der Nidánakette
aufgezählt sind, also durch die aus der früheren Existenz zurückbleibenden
"Gestaltungen", die zu "Bewußtsein", "Name und
Form" usw. hinüberleiten. Über die beiden Theorien der sassata- und
der ucchedaditthi s. N. zu 12. 48. 3 ff.
1.
Also habe ich vernommen.
Einstmals
weilte der Erhabene in Rájagaha im Bambushaine, im Kalandakanivápa (vgl. die
Bem. zu Samy. 2.13.1).
2.
Da nun kleidete sich der Erhabene zur Vormittagszeit an, nahm Almosenschale und
Mantel und begab sich, Almosen zu sammeln, nach Rájagaha.
3.
Es sah aber der Nacktgänger *f36) Kassapa von ferne schon den Erhabenen
herankommen. Wie er ihn sah, begab er sich dorthin, wo der Erhabene sich
befand. Nachdem er sich dorthin begeben, begrüßte er sich mit dem Erhabenen,
und nachdem er mit ihm die (üblichen) Begrüßungen und Höflichkeiten
ausgetauscht, trat er zur Seite.
4.
Zur Seite stehend sprach dann der Nacktgänger Kassapa zu dem Erhabenen also
"Wir möchten den Herrn Gotama über einen Punkt befragen, falls der Herr
Gotama uns die Gelegenheit gewährt, die Frage ihm vorzutragen."
"Es
ist jetzt, Kassapa, nicht die Zeit für eine Frage; wir befinden uns auf offener
Straße *f37)."
5.
Und zum zweitenmal sprach da der Nacktgänger Kassapa zum Erhabenen also:
"Wir möchten den Herrn Gotama über einen Punkt befragen, falls der Herr
Gotama uns die Gelegenheit gewährt, die Frage ihm vorzutragen."
"Es
ist jetzt, Kassapa, nicht die Zeit für eine Frage; wir befinden uns auf offener
Straße."
6.
Und zum drittenmal sprach da der Nacktgänger Kassapa zum Erhabenen also:
"Wir möchten den Herrn Gotama über einen Punkt befragen, falls der Herr
Gotama uns die Gelegenheit gewährt, die Frage ihm vorzutragen."
"Es
ist jetzt, Kassapa, nicht die Zeit für eine Frage; wir befinden uns auf offener
Straße."
Auf
dieses Wort hin sprach der Nacktgänger zum Erhabenen also: "Wir wünschen
aber ja den Herrn Gotama nicht viel zu fragen."
"Frage,
Kassapa, was Du wünschest."
7.
" Ist etwa das Leiden, Herr Gotama, selbst verursacht?" - "Nicht
so (sollst du sprechen), Kassapa," erwiderte der Erhabene.
8.
"Oder aber ist das Leiden, Herr Gotama, von einem anderen
verursacht?" - "Nicht so (sollst du sprechen), Kassapa,"
erwiderte der Erhabene.
9.
"Ist etwa das Leiden, Herr Gotama, sowohl selbstverursacht also auch von
einem anderen verursacht?"
"Nicht
so (sollst du sprechen), Kassapa," erwiderte der Erhabene.
10.
"Oder aber ist das Leiden, Herr Gotama, nicht selbstbewirkt, und auch
nicht von einem anderen bewirkt, sondern durch Zufall entstanden?" -
"Nicht so (sollst du sprechen), Kassapa," erwiderte der Erhabene.
11.
"Gibt es also, Herr Gotama, überhaupt kein Leiden?" - "Es ist
nicht so, Kassapa, daß es kein Leiden gibt; es gibt wohl ein Leiden,
Kassapa."
12.
"Kennt also der Herr Gotama das Leiden nicht und sieht *f38) es
nicht?" - "Es ist nicht so, Kassapa, daß ich das Leiden nicht kenne
und nicht sehe; ich kenne das Leiden wohl, Kassapa, ich sehe das Leiden wohl,
Kassapa."
13.
"Auf die Frage ,ist etwa das Leiden, Herr Gotama selbst verursacht?'
antwortest du: ,nicht so (sollst du sprechen), Kassapa.' - Auf die Frage ,oder
aber ist das Leiden, Herr Gotama, von einem andern verursacht?' antwortest du:
,nicht so (sollts du sprechen), Kassapa.' - Auf die Frage ,ist etwa das Leiden,
Herr Gotama, sowohl selbst verursacht als auch von einem anderen verursacht?'
antwortest du: ,nicht so (sollst du sprechen), Kassapa.' - Auf die Frage ,oder
aber ist das Leiden, Herr Gotama, nicht selbstbewirkt und auch nicht von einem
anderen bewirkt, sondern durch Zufall entstanden?' antwortest du: ,nicht so
(sollst du sprechen), Kassapa.' - Auf die Frage ,gibt es also, Herr Gotama,
überhaupt kein Leiden?' antwortest du ,es ist nicht so, Kassapa, daß es kein
Leiden gibt; es gibt wohl ein Leiden, Kassapa.' - Auf die Frage ,kennt also der
Herr Gotama das Leiden nicht und sieht es nicht?' antwortest du: ,es ist nicht
so, Kassapa, daß ich das Leiden nicht kenne und nicht sehe; ich kenne das
Leiden wohl, Kassapa, ich sehe das Leiden wohl, Kassapa.' - Es soll mir der erhabene
Herr *f39) das Leiden darlegen, es soll mir der erhabene Herr das
Leiden verkünden."
14.
"Behauptet man ,der nämliche ist es, der die Handlung ausführt, und der
die Folgen empfindet,' so gibt es einen, der von Anbeginn da ist; sagt man von
dem aus: ,das Leiden ist selbstverursacht, so kommt man damit auf ein ewig
Dauerndes hinaus *f40). - Behauptet man ,ein anderer ist es, der die
Handlung ausführt, und der die Folgen empfindet', so gibt es einen, der von
Empfindung betroffen ist. Sagt man von dem aus, ,das Leiden ist von einem
anderen verursacht', so kommt man damit auf völlige Vernichtung hinaus
*f41).
15.
Diese beiden Enden vermeidend, Kassapa, verkündet in der Mitte der Tathágata
die wahre Lehre: "Aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die
Gestaltungen; aus den Gestaltungen als Ursache entsteht das Bewußtsein usw.
usw. (- 1. 3). Auf solche Art kommt der Ursprung der ganzen Masse des Leidens
zu stande. Aus dem restlosen Verschwinden aber und der Aufhebung des Nichtwissens
folgt Aufhebung der Gestaltungen; aus der Aufhebung der Gestaltungen folgt
Aufhebung des Bewußtseins usw. usw. (= 1. 4). Auf solche Art kommt die
Aufhebung der ganzen Masse des Leidens zu stande."
16.
Auf diese Worte hin sprach der Nacktgänger Kassapa zu dem Erhabenen also:
"Wundervoll, Herr! Wundervoll, Herr! Wie wenn man, Herr, etwas
Umgestürztes aufrichtet oder etwas Verhülltes entschleiert oder einem Verirrten
den rechten Weg zeigt oder in einen finsteren Raum eine Öllampe bringt in der
Absicht: es sollen die, die Augen haben, die Gegenstände sehen - ganz ebenso
ist von dem Erhabenen durch mancherlei Erörterung die Wahrheit aufgeklärt
worden. Darum nehme ich, Herr, zu dem Erhabenen meine Zuflucht und zu der Lehre
und zu der Gemeinde der Bhikkhus. Möge ich bei dem Erhabenen *f42) die
Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft *f43)
gewährt bekommen."
17.
"Wenn einer, der früher einer anderen Schule angehörte, Kassapa, in
unserer Lehre und Regel *f44) die Zeremonie der Weltabkehr und die der
Aufnahme in die Gemeinschaft begehrt, so hat er eine Probezeit von vier Monaten
zu bestehen. Hat er nach Ablauf von vier Monaten die Probezeit bestanden,
werden die zufrieden gestellten *f45) Bhikkhus gerne *f46) an
ihm die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft
vollziehen, damit er ein Bhikkhu werde. Aber ich kenne auch recht wohl die
Verschiedenheit der Persönlichkeiten *f47)."
18.
"Wenn einer, der früher einer anderen Schule angehörte, - (so sagt der)
Herr, - in unserer Lehre und Regel die Zeremonie der Weltabkehr und die der
Aufnahme in die Gemeinschaft begehrt, so hat er eine Probezeit von vier Monaten
zu bestehen. Hat er nach Ablauf von vier Monaten die Probezeit bestanden,
werden die zufriedengestellten Bhikkhus gerne an ihm die Zeremonie der
Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft vollziehen, damit er ein
Bhikkhu werde - ich aber will eine Probezeit von vier Jahren bestehen, und habe
ich nach Ablauf von vier Jahren die Probezeit bestanden, sollen die zufrieden
gestellten Bhikkhus an mir die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in
die Gemeinschaft vollziehen, damit ich ein Bhikkhu werde."
19.
Es bekam auch der Nackgänger Kassapa bei dem Erhabenen die Zeremonie der
Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft gewährt.
20.
Nachdem aber der würdige Kassapa noch nicht lange in die Gemeinschaft
aufgenommen war, da war er, der allein und einsam, unermüdlich, eifervoll, mit
gesammelter Seele lebte, binnen kurzem schon an das höchste Ziel heiligen
Wandels, um dessen willen Söhne aus gutem Hause völlig aus dem Heimleben
übertreten in die Heimlosigkeit, durch eigenes Begreifen und Verwirklichen
gelangt. Er wußte: Aufgehoben ist die Geburt; gelebt ist der heilige Wandel;
vollbracht ist, was zu vollbringen war; nichts mehr habe ich fürderhin zu tun
mit dem weltlichen Dasein.
Es
war aber der würdige Kassapa einer von den Vollendeten geworden.
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