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S.22.35.-36. Ein Mönch I-II
(Der hier übersetzte
Text gibt die Fassung der längeren 36. Rede wieder. Der Unterschied zwischen
den Reden 35 und 36 besteht nur darin, daß es in 35.4 lediglich heißt:
"Wozu man neigt, dadurch wird man begriffen. Wozu man nicht neigt, dadurch
wird man nicht begriffen." Im übrigen sind die beiden Reden gleichlautend.
- Übers. v. Seidenstücker PB Nr. 178.)
1.
So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene zu Sávatthí, im Jeta-Hain, im
Kloster Anáthapindikas.
2.
Da begab sich ein Mönch zum Erhabenen, begrüßte ihn ehrerbietig und setzte sich
zur Seite nieder. Seitwärts sitzend sprach dieser Mönch zum Erhabenen also:
3.
"Gut wäre es, o Herr, wenn mir der Erhabene in Kürze die Lehre zeigte.
Nachdem ich vom Erhabenen die Lehre gehört, will ich einsam weilen,
abgesondert, unermüdlich, eifrig und entschlossen."
4.
"Wozu man neigt, o Mönch, daran wird man gemessen. Woran man gemessen
wird, dadurch wird man begriffen. Wozu man nicht neigt, daran wird man nicht
gemessen. Woran man nicht gemessen wird, dadurch wird man nicht
begriffen." - "Verstanden ist es, Erhabener! Verstanden ist es,
Gesegneter!"
5.
"Wie denn, o Mönch, verstehst du ausführlich den Sinn meiner kurzgefaßten
Rede?"
6.
"Wenn man, o Herr, zur Körperlichkeit neigt, dann wird man daran gemessen.
Woran man gemessen wird, dadurch wird man begriffen. Wenn man zum Gefühl - zur
Wahrnehmung - zu den Gestaltungen - zum Bewußtsein neigt, dann wird man daran
gemessen. Woran man gemessen wird, dadurch wird man begriffen.
7.
Wenn man, o Herr, nicht zur Körperlichkeit neigt, dann wird man nicht daran
gemessen. Woran man nicht gemessen wird, dadurch wird man nicht begriffen. Wenn
man nicht zum Gefühl - zur Wahrnehmung - zu den Gestaltungen - zum Bewußtsein
neigt, dann wird man nicht daran gemessen. Woran man nicht gemessen wird,
dadurch wird man nicht begriffen. So, o Herr, verstehe ich ausführlich den Sinn
jener kurzgefaßten Rede des Erhabenen."
8.
"Gut, gut, o Mönch! Gut hast du, o Mönch, in ausführlicher Weise den Sinn
meiner kurzgefaßten Rede verstanden. Wenn man, o Mönch, zur Körperlichkeit
neigt... (Wiederholung von 6-7). So, o Mönch, ist ausführlich der Sinn meiner
kurzgefaßten Rede zu verstehen."
9.
Und jener Mönch, von der Rede des Erhabenen erfreut und befriedigt, erhob sich
von seinem Sitz, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, vollzog die
Rechtsumwandlung und entfernte sich.
10.
Und jener Mönch lebte nun einsam, abgesondert, unermüdlich, eifrig und
entschlossen. Und jenes Ziel, um dessentwillen Söhne aus edler Familie gänzlich
vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehen, diese höchste Vollendung des
Asketentums hatte er schon nach kurzer Zeit, bei Lebzeiten noch, selber
erkannt, durchschaut und verwirklicht. 'Versiegt ist die Geburt, vollendet der
Heilige Wandel, getan das Werk, nichts Weiteres nach diesem hier' - so hatte er
erkannt.
11.
So war nun auch jener Mönch ein Heiliger geworden.
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