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S.42.13 Pátali
Zu
einer Zeit weilte der Erhabene bei den Koliyern zu Uttara, wie ein Städtchen
der Koliyer heißt. Da nun begab sich Pátaliyo, der Vorsteher, dorthin, wo der
Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und setzte sich zur Seite nieder. Zur
Seite sitzend, wandte sich Pátaliyo, der Vorsteher, also an den Erhabenen:
"Gehört
habe ich, o Herr, der Asket Gotamo kennt die Täuschung. Die da so sprechen, o
Herr, 'Der Asket Gotamo kennt die Täuschung', haben die des Erhabenen Worte
gebraucht, den Erhabenen nicht zu Unrecht angeführt und der Lehre gemäß
gesprochen, so daß sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen
kann? Wir möchten, o Herr, den Erhabenen nicht zu Unrecht anführen".
"Die
da, Vorsteher, so sagen 'Der Asket Gotamo kennt die Täuschung', die haben meine
Worte gebraucht, haben mich nicht zu Unrecht angeführt und der Lehre gemäß
gesprochen, so daß sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen
kann". "Wir glauben, mein Lieber, aber jenen Asketen und Brahmanen
nicht, daß es wahr ist, wenn sie sagen: 'Der Asket Gotamo kennt die Täuschung',
denn dann wäre der Asket Gotamo, mein Lieber, selber ein Täuscher".
"Wer
da, Vorsteher, also spräche 'Ich kenne die Täuschung', behauptet der etwa auch
'Ich bin ein Täuscher' in bezug auf den Erhabenen und Willkommenen? Da will ich
dir denn, Vorsteher, hierüber eine Frage stellen. Wie es dir beliebt, magst du
sie beantworten".
I.
"Was
meinst du, Vorsteher, kennst du die langhaarige Miliz der Koliyer?"
"Ich
kenne, o Herr, die langhaarige Miliz der Koliyer".
"Was
meinst du, Vorsteher, welchen Zweck hat die langhaarige Miliz der
Koliyer?"
"Um,
o Herr, Räuber von den Koliyern zu vertreiben und um Botschaften der Koliyer zu
überbringen. Diesen Zweck hat die langhaarige Miliz der Koliyer".
"Was
meinst du, Vorsteher, kennst du die langhaarige Miliz der Koliyer als
tugendhaft oder als untugendhaft?"
"Ich
kenne, o Herr, die langhaarige Miliz der Koliyer als untugendhaft und böse.
Wenn es in der Welt Untugendhafte und Böse gibt, dann gehört die langhaarige
Miliz der Koliyer dazu".
"Wer
da nun also spräche, Vorsteher, 'Pátaliyo, der Vorsteher, kennt die
untugendhafte böse langhaarige Miliz der Koliyer, also ist Pátaliyo, der
Vorsteher, selber untugendhaft und böse' - würde er so recht sprechen?"
"Gewiß
nicht, o Herr, etwas anderes ist die langhaarige Miliz der Koliyer, etwas
anderes bin ich. Andere Eigenschaften hat die langhaarige Miliz der Koliyer als
ich".
"So
wirst du denn, Vorsteher, erreichen, daß man von dir sagt: 'Pátaliyo, der
Vorsteher, kennt die langhaarige Miliz der Koliyer als untugendhaft und böse,
aber nicht ist Pátaliyo, der Vorsteher, selber untugendhaft und böse'. Wie
sollte denn erst der Vollendete nicht erreichen, daß von ihm gesagt wird: 'Ich
kenne die Täuschung, aber der Vollendete ist selber kein Täuscher'. Ich kenne,
Vorsteher, die Täuschung und die Ernte der Täuschung: Ich kenne das Vorgehen,
durch welches der Täuscher beim Zerfall des Leibes nach dem Tode auf den Abweg
gerät, auf schlechte Fährte, in die Tiefe hinab, zur Hölle.
Ich
kenne das Umbringen lebender Wesen, das Nehmen von Nichtgegebenem, die
Ausschweifung, Lüge, Hintertragen, Schelten, Schwatzen, Habsucht, Übelwollen
und falsche Ansicht und deren Ernte. Ich kenne das Vorgehen, durch welches der
Mörder, der Dieb, der Ausschweifende, der Lügner, der Hintertragende, der
Scheltende, der Schwätzer, der Habsüchtige, der Übelwollende, der falsche
Ansicht Hegende bei Zerfall des Leibes nach dem Tode auf den Abweg gerät, auf
schlechte Fährte, in die Tiefe hinab. Auch das kenne ich.
II.
Es
gibt, Vorsteher, einige Asketen und Brahmanen, die so reden und es so ansehen:
'Wer auch immer Lebendiges umbringt, Nichtgegebenes nimmt, ausschweift, lügt,
empfindet schon zu Lebzeiten Schmerz und Trübsal'.
Man
kann aber, Vorsteher, jemanden sehen, bekränzt und beringt, gebadet und
gesalbt, Haar und Bart gepflegt, nach Wunsch wie ein König von Frauen umgeben.
Von ihm sagt man: 'Was hat dieser liebe Mann getan, daß er bekränzt und
beringt, gebadet und gesalbt, Haar und Bart gepflegt, nach Wunsch wie ein König
von Frauen umgeben ist?' Und sie antworten dies: 'Dieser liebe Mann besiegte
einen Feind des Königs und tötete ihn. Befriedigt darüber überschüttete der
König ihn mit Geschenken. Darum ist dieser Mann bekränzt und beringt, gebadet
und gesalbt, mit gepflegtem Haar und Bart, nach Wunsch wie ein König von Frauen
umgeben'.
Da
ist aber ein anderer Mann, mit einem starken Strick die Arme fest auf den
Rücken gebunden, völlig kahl geschoren, der unter lautem Trommelwirbel von
Straße zu Straße, von Platz zu Platz herumgeführt wird, bis es zum Südtor
hinausgeht, wo ihm der Kopf abgeschlagen wird. Von ihm sagt man: 'Was hat
dieser liebe Mann denn getan, daß ihm dies geschieht?' Und sie antworten dies:
'Dieser liebe Mann war ein Feind des Königs. Er beraubte eine Frau oder einen
Mann des Lebens. Darum nahm ihn der König fest und verfuhr so mit ihm!'
Was
meinst du, Vorsteher, hast du wohl dergleichen schon gesehen oder gehört?"
"Wir
haben dies sowohl gesehen als auch gehört und werden es immer wieder".
"Da
sagen einige Asketen und Brahmanen so, sahen es so an: 'Wer auch immer Lebendiges
umbringt, ein jeder solcher empfindet schon zu Lebzeiten Schmerz und Trübsal'.
Sprechen sie die Wahrheit oder Lüge?"
"Lüge,
o Herr".
"Die
da haltlose Lügen sprechen, sind die tugendhaft oder tugendlos?"
"Tugendlos,
o Herr".
"Diese
Tugendlosen aber, mit bösen Eigenschaften, gehen sie falsch oder recht
vor?"
"Sie
gehen falsch vor, o Herr".
"Die
da falsch vorgehen, haben die falsche Ansicht oder rechte Ansicht?"
"Falsche
Ansicht, o Herr".
"Die
da falsche Ansicht haben, kann man sich auf die verlassen?"
"Gewiß
nicht, o Herr".
"Man
kann aber, Vorsteher, jemanden sehen, bekränzt und beringt, gebadet und
gesalbt, Haar und Bart gepflegt, nach Wunsch wie ein König von Frauen umgeben.
Von ihm sagt man: 'Was hat dieser liebe Mann getan, daß er dies erfährt?' Und
sie antworten dies: 'Dieser liebe Mann besiegte einen Feind des Königs und nahm
einen Schatz an sich, verführte Frauen der Feinde des Königs, brachte den König
durch Lügenmärchen zum Lachen. Befriedigt darüber, überschüttete der König ihn
mit Geschenken. Darum ist dieser Mann bekränzt und beringt, gebadet und
gesalbt, mit gepflegtem Haar und Bart, nach Wunsch wie ein König von Frauen
umgeben'. Da ist aber ein anderer Mann, mit einem starken Strick die Arme fest
auf den Rücken gebunden, völlig kahl geschoren, der unter lautem Trommelwirbel
von Straße zu Straße, von Platz zu Platz geführt wird, bis es zum Südtor
hinausgeht, wo ihm der Kopf abgeschlagen wird. Von ihm sagt man: 'Was hat
dieser liebe Mann denn getan, daß ihm dies geschieht?' Und sie antworten dies:
'Dieser liebe Mann hatte in Dorf oder Forst Nicht-Gegebenes genommen, was man
Diebstahl nennt, hatte Frauen und Mädchen aus den Familien verführt, schädigte
durch Lügen-Reden einen Hausvater oder den Sohn eines Hausvaters. Darum nahm
ihn der König fest und verfuhr so mit ihm'.
Was
meinst du, Vorsteher, hast du wohl dergleichen schon gesehen oder gehört?"
"Wir
haben dies sowohl gesehen als auch gehört und werden es immer wieder".
"Da
sagen einige Asketen und Brahmanen so, sehen es so an: 'Wer auch immer
Nichtgegebenes nimmt, ausschweift, lügt, ein jeder solcher empfindet schon zu
Lebzeiten Schmerz und Trübsal'. Sprechen sie Wahrheit oder Lüge?''
"Lüge,
o Herr".
"Die
da haltlos Lügen sprechen, sind die tugendhaft oder tugendlos?"
"Tugendlos,
o Herr".
"Diese
Tugendlosen ober, mit bösen Eigenschaften, gehen sie falsch oder recht
vor?"
"Sie
gehen falsch vor, o Herr".
"Die
da falsch vorgehen, haben die falsche Ansicht oder rechte Ansicht?"
"Falsche
Ansicht, o Herr".
"Die
da falsche Ansicht haben, kann man sich auf die verlassen?"
"Gewiß
nicht, o Herr".
III.
Erstaunlich,
o Herr, außerordentlich, o Herr. Ich habe, o Herr, ein Rasthaus: da sind Lager und
Sitze, Wassertöpfe und Öllampen. Welcher Asket oder Brahmane auch kommt, um
dort zu weilen, den werde ich, so gut ich kann, bewirten. Einstmals, o Herr,
wohnten in diesem Rasthaus vier Meister mit verschiedenen Ansichten, die
Verschiedenes billigten, denen Verschiedenes gefiel: Ein Meister sagt und denkt
so:
'Almosengeben,
Verzichtleisten, Spenden - es ist alles eitel; es gibt keine Saat und Ernte
guter und böser Werke. Diesseits und Jenseits sind leere Worte, Vater und
Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen
und Brahmanen, die recht gegangen, recht fortgeschritten sind, die sich den
Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und
erklären können'.
Ein
Meister sagt und denkt so:
'Almosengeben,
Verzichtleisten, Spenden ist kein Unsinn; es gibt eine Saat und Ernte guter und
böser Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist vorhanden, Eltern
gibt es und geistige Geburt gibt es; die Welt hat Asketen und Brahmanen, die
recht gegangen, recht fortgeschritten sind, die sich den Sinn dieser und jener
Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können'.
Ein
Meister sagt und denkt so:
'Was
einer begeht oder begehen läßt, wer zerstört oder zerstören läßt, wer quält oder
quälen läßt, wer Kummer und Plage schafft, wer schlägt und schlagen läßt; wer
Lebendiges umbringen läßt, wer Nichtgegebenes nehmen läßt, wer einbricht,
fremdes Gut raubt, einsame Häuser ausplündert, Wegelagerer ist, wer Ehefrauen
verführt; wer Lügen spricht: was einer begeht, er begeht keine Schuld. Und wer
da gleich mit einer scharf geschliffenen Schlachtscheibe alles Lebendige auf
dieser Erde zu einer einzigen Masse Mus, zu einer einzigen Masse Brei machte,
so hat er darum keine Schuld, begeht kein Unrecht.
Und
wer da auch am südlichen Ufer des Ganges verheerend und mordend dahinzöge,
zerstörte und zerstören ließe, quälte und quälen ließe, so hat er darum keine
Schuld, begeht kein Unrecht.
Und
wer auch am nördlichen Ufer des Ganges spendend und schenkend dahinzöge,
Almosen gäbe und geben ließe, so hat er darum kein Verdienst, begeht nichts
Gutes. Durch Geben, Zähmung, Zügelung, Wahrhaftigkeit erwirbt man kein
Verdienst, begeht nichts Gutes'.
Ein
Meister sagt und denkt so:
'Was
einer begeht oder begehen läßt, wer zerstört oder zerstören läßt, wer quält
oder quälen läßt, wer Kummer und Plage schafft, wer schlägt und schlagen läßt;
wer Lebendiges umbringen läßt, wer Nichtgegebenes nehmen läßt, wer einbricht,
fremdes Gut raubt, einsame Häuser ausplündert, Wegelagerer ist; wer Ehefrauen
verführt, wer Lügen spricht: Was einer begeht, er begeht eine Schuld. Wer da
gleich mit einer scharf geschliffenen Schlachtscheibe alles Lebendige auf
dieser Erde zu einer einzigen Masse Mus, zu einer einzigen Masse Brei machte,
der begeht darum eine Schuld, der begeht Unrecht . Und wer da am südlichen Ufer
des Ganges verheerend und mordend dahinzöge, zerstörte und zerstören ließe,
quälte und quälen ließe, der lädt Schuld auf sich, der begeht Unrecht.
Wer
aber am nördlichen Ufer des Ganges spendend und schenkend dahinzöge, Almosen
gäbe und geben ließe, der schafft sich damit Verdienst, der tut Gutes. Durch
Geben, Zähmung, Zügelung, Wahrhaftigkeit erwirbt man sich Verdienst, tut man
Gutes'.
Da
kamen mir nun, o Herr, Bedenken und Zweifel: Wer von diesen lieben Asketen und
Brahmanen spricht die Wahrheit, und wer spricht Lüge?"
"Genug,
Vorsteher, mit deinen Bedenken, genug mit deinen Zweifeln. Bei zu bedenkenden
Fällen ist dir Zweifel aufgestiegen".
"Aber
ich traue dem Erhabenen, o Herr, daß mir der Erhabene die Lehre so zeigen
möchte, daß ich den Zustand der Bedenken überwinden kann".
IV.
"Es
gibt, Vorsteher, eine Einigung in der Lehre: Erlangst du diese Herzenseinigung,
dann überwindest du deinen Zustand der Bedenken. Was aber ist, Vorsteher, die
Einigung der Lehre?
Da
hat, Vorsteher, der edle Jünger Lebendiges umzubringen verworfen, Lebendiges
umzubringen liegt ihm fern; Nichtgegebenes zu nehmen, hat er verworfen, das
Nehmen von Nichtgegebenem liegt ihm fern; Ausschweifung hat er verworfen,
Ausschweifung liegt ihm fern; Lüge hat er verworfen, Lüge liegt ihm fern;
Hintertragen hat er verworfen, Hintertragen liegt ihm fern; Schelten hat er
verworfen, Schelten liegt ihm fern; Schwatzen hat er verworfen, Schwatzen liegt
ihm fern; Habsucht hat er verworfen, er ist ohne Habsucht; Übelwollen hat er
verworfen, er ist ohne Übelwollen im Herzen; falsche Ansicht hat er verworfen,
er hat rechte Ansicht.
Dieser
edle Jünger, Vorsteher, der Habsucht entgangen, dem Übelwollen entgangen,
unverblendet, klar bewußt, bedachtsam, er strahlt liebevollen, erbarmenden,
mitfreudigen, gleichmütigen Gemütes nach einer Richtung, dann nach einer
zweiten, einer dritten und vierten, ebenso nach oben und unten, überall in
allem sich wiedererkennend, durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem,
erbarmendem, mitfreudigem, gleichmütigem Gemüte, mit weitem, tiefem, von Grimm
und Groll geklärtem. I
Und
er führt sich vor Augen, was die vier Meister sagen und denken. Und er sagt
sich stets:
Mag
das Wort dieses lieben Meisters Wahrheit sein - ich bin fraglos. Ich bedränge
nichts, weder Schwaches noch Starkes. Ich habe doppelt gewonnen: Einerseits bin
ich mit Körper, Sprache und Geist gezügelt, und andererseits werde ich beim
Zerfall des Leibes nach dem Tode auf gute Fährte gelangen, in himmlische Welt.
Darüber kommt Freude auf. Dem Freudigen steigt Entzücken auf. Entzückt im
Geiste wird der Körper beschwichtigt Körperbeschwichtigt empfindet er Wohl. Wer
sich wohl fühlt, dem einigt sich das Herz. Das nun, Vorsteher, ist die Einigung
in der Lehre. Erlangst du diese Herzenseinigung, dann überwindest du deinen
Zustand der Bedenken".
Auf
diese Worte wandte sich Pátaliyo, der Vorsteher, also an den Erhabenen:
"Vortrefflich,
o Herr. Vortrefflich, o Herr. Als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten,
von heute an zeitlebens getreu".
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